Totengräber Pop? Anlässlich der Volksbühne-Pläne: HAU-Leiterin Annemie Vanackere über Berliner Theater im Futur

Annemie Vanackere ist seit 2012 Künstlerische Leiterin des HAU Hebbel am Ufer /
Foto: David von Becker

Dirk von Lowtzow an der Volksbühne, Herbert Grönemeyer im Berliner Ensemble, Mouse On Mars im HAU Hebbel am Ufer – die Popkultur hält Einzug im Theater, Interdisziplinarität ist kein revolutionärer Ansatz, sondern Usus bei der Entwicklung anschlussfähiger Bühnenkonzepte. Das ist keinesfalls eine neue Entwicklung. Nun soll mit Tate-Modern-Direktor Chris Dercon ein Mann aus dem Museum Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne ablösen. Und die alten Herren lassen den Vorhang fallen.

Claus Peymann, Chef des Berliner Ensembles vorneweg, wird im Zuge dieses Stadttheater-Grabenkampfes gefeuert, dass die Flinte raucht. Vor allem die verbale. Die Heeresführer der Bühnenschlachtschiffe machen mobil, weil sie ihr, der Subventionen sei Dank, seit Jahrzehnten genauso selbstherrlich wie rauschhaft zelebriertes Festival der Privilegien gefährdet sehen. Durch einen Rowdy, der aus dem Feindgebiet Pop kommt.

Tim Renner, ehemaliger Universal-Geschäftsführer und seit einem Jahr Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in Berlin wird nun zum Totengräber des Ensembletheaters stilisiert. Vor allem, weil er einen gefährlichen Verbündeten hat: den Zeitgeist. Es ginge ums Bewahren, liest man. Doch einen, der sich als Kunst-Kurator genau damit auskennt, will man nicht reinlassen – ins Museum namens Theater.

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Faust I und II mit Musik von Herbert Grönemeyer, Berliner Ensemble / Foto: Lucie Jansch

Das HAU Hebbel am Ufer gilt oft noch als Exot unter den Berliner Theaterinstitutionen, weil es seit jeher mit Off-Gruppen und Künstlern unterschiedlicher Sparten aus der sogenannten Freien Szene kollaboriert. Dafür wurde Matthias Lilienthal, unter Castorf viele Jahre Chefdramaturg der Volksbühne, späterer Spiritus rector des HAU und mittlerweile designierter Direktor der Münchner Kammerspiele, von Peymann aktuell als Gründervater sogenannter »Eventschuppen« gescholten, zu denen Renner nun auch die Volksbühne umkrempeln wolle.

Geschossen wurde bereits im luftleeren Raum, als es noch keine offiziellen Verlautbarungen zu den Umstrukturierungs- und Neubesetzungsplänen des Kulturstaatssekretärs gab – mittlerweile ist es amtlich: der Belgier Chris Dercon wird Frank Castorf ab 2017 an der Berliner Volksbühne ablösen, der Etat des Hauses um fünf auf 22 Millionen Euro erhöht, der Flughafen Tempelhof ist als Zusatz-Spielstätte vorgesehen. Während die Riege der Alteingesessenen ihren Tiefschlaf durch multimedial inszenierte Albträume gestört sieht, präsentiert Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Schulterschluss mit Regisseur René Pollesch eine Oper an der Volksbühne, Faust feiert als Musical mit Musik von Herbert Grönemeyer im Berliner Ensemble Premiere und im HAU läuft – beinah schicksalhaft – ein Festival über Privilegien. Der Titel: Männlich Weiß Hetero. Die Protagonisten: Performer und Musiker wie Black Cracker, Océan LeRoy und Jens Friebe oder Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen.

Die Belgierin Annemie Vanackere steht als künstlerische Leiterin des HAU Hebbel am Ufer seit 2012 für die internationale Theaterkunst in einem Haus ohne festes Ensemble. SPEX sprach mit ihr über eine Personaldebatte, die eigentlich eine Systemdebatte ist. Und damit längst überfällig.

Tim Renner, Frank Castorf, Claus Peymann, Chris Dercon … die durch die Volksbühne-Neubesetzung und damit zusammenhängende programmatische Neuausrichtung in Gang gesetzte Feuilleton-Debatte scheint nur oberflächlich eine der Namen zu sein. Wenngleich die Diskussion – auch weil sie in einem sehr emotionalen und persönlichen Duktus geführt wird – wie ein personenbezogener Grabenkampf zwischen einzelnen Protagonisten anmutet, steht sie symptomatisch für den Zwist zwischen althergebrachtem Ensemblemodell und temporärer Projektarbeit. Die Gretchenfrage des Stadttheaters: Was gibt und gilt es zu bewahren?
Als preliminary remark: Weil ich selbst aus einem anderen Theaterkontext komme, habe ich diese Ensemblekultur nicht miterlebt, ich habe auch nie darin oder damit gearbeitet. Häuser wie das HAU kenne ich aus Belgien und Holland sehr gut und ich verbinde damit keineswegs das Wort »Projektkultur«. Ein Haus ohne Ensemble kann auch langfristige Verbindungen mit Künstlern eingehen.

Aber es ist nach wie vor die Bipolarität Ensemble versus Projekt, die im Feuilleton diskutiert wird.
Das ist ja das Kernproblem. Diese Feuilleton-Debatte ist eine, die maßgeblich mit Behauptungen hantiert, in denen wir uns auch sprachlich nicht wiederfinden. Die Rhetorik bestimmter Straight White Men zeugt vor allem von enorm viel Unwissenheit darüber, was wir an unserem Haus machen. In der Art und Weise, wie über die sogenannte Projektkultur gesprochen wird, diffamiert sie Nicht-Ensemble-Künstler und ihre Arbeit. Die Ensemble-Struktur ist typisch für das deutsche Theater und sicher auch wichtig für die Identifikation des Publikums mit bestimmten Schauspielern. Berlin ist sehr gesegnet mit diesen Sprechtheatern. Die Volksbühne ist ein Ausnahmetheater. Ich bin in den Nullerjahren selbst als professionelle Besucherin der Volksbühne wegen nach Berlin gekommen. Um mir die Volksbühne-Arbeit anzuschauen. Als Pollesch-Arbeit. Als Castorf-Arbeit. Als Schlingensief-Arbeit. Das war ein Ensemble, das man nicht mit anderen Ensembles vergleichen kann – das war eine »Truppe«. Schauspieler, die nicht in einem Karussell von Regisseuren arbeiten, montags in der Regie von X, mittwochs von Y, freitags von Z. Aber immer sehr engagiert und mit einer eigenen Künstlersprache, einem Künstlergeist. In diesem Sinne war das auch ein einzigartiges »Projekt«.

Die Straight White Men, Intendanten der alten Generation, die sich jetzt durch die sogenannten Projekt-Theatermacher abgewirtschaftet sehen, haben diese Wende in der Theaterarbeit längst selbst eingeleitet. Nichts anderes vollzieht sich seit Jahren an der Volksbühne, am Berliner Ensemble – nicht als der plötzliche, künstliche Umbruch, vor dem nun gewarnt wird, sondern auf ganz natürliche, gesunde Weise. Es wird mit Angst-Begriffen hantiert, anstatt diese Entwicklung als Chance zu begreifen, um über eine neue Zeitgeistigkeit an den altehrwürdigen Häusern neue Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der Zuschauer zu generieren. Ist es nicht auch der einzig mögliche Weg, im Jahr 2015 relevantes und anschlussfähiges Theater zu machen?
Am Anfang haben wir über das Wort »bewahren« gesprochen. Darin versteckt sich ja schon etwas Museales. Ich bin nicht die Person, die sagt, was abgeschafft werden soll. Diese Herren, die sich momentan am lautesten zu Wort melden, verstehen sich selbst als Center of the World. So verstehen wir uns nicht.

… es geht ja auch nicht um ein aktives Abschaffen, sondern vielmehr um einen Prozess, der sich implizit und von selbst vollzieht.
Das HAU ist Teil genau dieser Entwicklung. In Deutschland haben sich bestimmte, neue Erzählweisen, damit meine ich über die Sprachen hinaus auch Bilder und Musik, aus einer Unzufriedenheit mit dem Stadttheater heraus entwickelt – Gruppen wie She She Pop, Gob Squad oder Rimini Protokoll beispielsweise. Aber diese Gruppen existieren nun schon seit 20 Jahren und sie haben sich genauso lange schon die Freiheit genommen, sehr selbstbestimmt als Kollektiv zu arbeiten, ihre eigenen Stoffe zu entwickeln. Diese Künstlergruppen haben sich andere Strukturen geschaffen – ähnlich wie das HAU. Strukturen, in denen nicht ein Intendant im Alleingang bestimmt, welche Themen auf der Tagesordnung stehen, sondern von einer Offenheit geprägte Strukturen, die es zulassen mit Künstlern gemeinsam Themen zu entwickeln. Das ist eine Parallelwelt. Und mich frustriert es, dass diese Art künstlerisch tätig zu sein, immer noch als Marge bezeichnet wird. Ey Leute, eine Gruppe wie Forced Entertainment macht diese Arbeit seit 30 Jahren.

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Josep Caballero García mit Black Cracker und Océan LeRoy – T / HE /Y, HAU Hebbel am Ufer

Und nun wird es von Peymann so hingestellt, als sei das eine komplett neue und vor allem gefährliche Entwicklung, als stehe nun mit dem Weggang Castorfs von der Volksbühne das »Waterloo des Theaters« vor der Tür.
Das ist absurd, weil da plötzlich Allianzen aufgemacht werden zwischen Berliner Ensemble und Volksbühne. Und noch absurder angesichts dessen, dass nicht nur das Angebot dieser anderen Form des Theatermachens vorhanden ist, sondern auch die Nachfrage. Das HAU ist voll. Aber bislang wird die Kulturpolitik diesen Strömungen kaum gerecht, es fließt zu wenig Geld in die Förderung, weil in den Köpfen der Kulturpolitiker nach wie vor das sogenannte Ensembletheater das so called »bewahrenswerte« ist. Es ist absolut notwendig mehr Kohle für diese, unsere Art von Kunstschaffen locker zu machen. Insofern geht es doch darum, in der Debatte Bewahren versus Abschaffen zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. Das liegt allerdings nicht in unseren Händen, sondern denen der Kulturpolitik.

Vor allem in Bezug auf die Kohle ist diese »Umorientierung« in der künstlerischen Arbeitsweise schlichtweg eine Notwendigkeit. Da ist Wendigkeit gefragt und notwendigerweise muss mit Protagonisten aus dem Off-Bereich kollaboriert werden. Wie produziert man, wenn ständig zu wenig Geld da ist?
Ich kannte das Wort »Wendigkeit nicht«. Aber es trifft die Sache im Kern, Wendigkeit und Notwendigkeit – fast poetisch. Am Anfang, stimmt es auf jeden Fall, dass die Geldnot kreatives Potenzial freisetzt. Im Sport ist es auch toll, wenn eine neue Disziplin entsteht. Aber sobald der Gedanke aufkommt, diese Sportart könnte olympisch werden, muss man richtig investieren.

Sobald es um die Professionalisierung geht.
Auch die Künstler, die zunächst aus der Not heraus neue Arbeitsweisen oder Formate kreieren, wollen irgendwann weitergehen, recherchieren, mit dem Publikum arbeiten und ähnliches. Und sie müssen frühzeitig die notwendigen Produktionsmittel haben, um einige Jahre weiterarbeiten zu können. Ansonsten stolpert man von einem Projekt zum nächsten. Nach einer gewissen Zeit ist das für die Entwicklung über dieses Anfangsstadium der kreativen Improvisation hinaus geradezu kontraproduktiv.

Und es widerspricht dem Ziel, langfristige Bindungen auch mit Nicht-Ensemble-Künstlern aufzubauen. Obwohl normale Ensemble-Mitglieder sich auch nur von einem Zwei-Jahres-Vertrag zum nächsten retten. Wie langfristig sich da die von Peymann als Nonplusultra des Ensemblebetriebs dargestellte Bindung zu Haus und Publikum gestalten kann, ist fraglich.
Das ist der Punkt. Es ist eine Scheindebatte. Und aus diesem Grund ist das HAU genauso ein Produktions- und kein Projekthaus.

Hat man nun in dem popkulturell verwurzelten Kulturstaatssekretär Tim Renner einen willkommenen Sündenbock für den befürchteten Umwälzungsprozess hin zu den von Peymann genannten »Eventschuppen« gefunden?
Was man ihm tatsächlich vorhalten kann ist, dass die Kommunikation über Dercon als Castorf-Nachfolger sehr unglücklich gelaufen ist. Ich finde es schade und nicht gut, dass dadurch nun im Vorfeld so viel Aufregung entstanden ist, bevor man offiziell etwas über die Pläne wusste. Punkt. Und die Diskussion um die Frage, was ist ein »Event«, und was nicht, ist unterirdisch. Eigentlich kann und sollte man darauf auch gar nicht reagieren. Für mich, die wie gesagt oft wegen der Volksbühne nach Berlin gekommen ist, ist dieses Haus enorm wichtig. Wenn Castorf tatsächlich weitermachen wollte, gäbe es für mich ganz klar andere Häuser in Berlin, die hinsichtlich einer Umstrukturierung und damit verbundenen Erhöhung der Mittel vielleicht eher erneuerungswürdig wären. Dass Renner die Fantasie hat, ein Berliner Theaterhaus in eine neue Richtung zu lenken, finde ich gar nicht so verkehrt.

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Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte, Oper von Dirk von Lowtzow und René Pollesch an der Volksbühne / Foto: Lenore Blievernicht

Das HAU Hebbel am Ufer – und im Übrigen auch die Volksbühne oder das Berliner Ensemble – sind Häuser, in denen spartenübergreifende Ansätze wie ein Musikprogramm längst Eingang in die Spielplangestaltung finden. Nun wird gegen Dercon vor allem Wind gemacht, weil er als Kunst-Kurator der Tate Modern angeblich keine Ahnung vom Theater hätte. Ebenso wird Renner vorgeworfen, er wäre nicht für den Posten des Kulturstaatsministers qualifiziert, weil er keine Ahnung vom Theater hätte, sondern in der Populärkultur verhaftet ist. Was sagen Sie als Programmmacherin dazu, die ganz selbstverständlich an einem Theater mit Menschen aus unterschiedlichen Sparten zusammenarbeitet?
Meine Erfahrungen mit Renner sind gut. Er kommt ins Haus und schaut sich die Arbeiten an, das rechne ich ihm hoch an. Er ist interessiert und aufgeschlossen. Und aus welcher Ecke dieser Vorwurf kommt, er habe keine Ahnung, weiß man ganz genau. Need I say more? Für mich hätte Castorf noch länger bleiben können. Aber mal angenommen, er würde selbst aufhören, dann fände ich diese Entwicklung spannend. Einfach andere Platzhirsche aus dem Intendantenkarussell zu platzieren, halte ich für wenig spannend. Castorf und die Volksbühne – mein Gott, das war ein Ausnahmetheater. Jetzt hängt alles von den konkreten Plänen ab. Wenn es darum geht, dass die Volksbühne viel mehr Geld bekommen wird und wir nicht, dann hätte ich ein Problem.

Wenngleich Sie eine mögliche Annäherung im Programm von Volksbühne und HAU begrüßenswert finden, heißt das aber auch, dass damit ein direktes Konkurrenz-Haus für das HAU entsteht, das bisher als Exot unter den Berliner Bühnen galt. Bislang kam man sich ob der unterschiedlichen Sprache wenig in die Quere. Macht das Angst?
Vielleicht ist es sogar ganz gut. Und wir müssen bestimmte Sachen nicht mehr machen, weil sie dann ein anderes Haus macht. Auf diese Weise könnten wir die Produktionsarbeit, die ich durchaus als Teil unserer Mission sehe, mit mehr Geld besser und entspannter ausüben. Die Volksbühne ist ein riesiges Haus und die Räumlichkeiten spielen im Theater eine große Rolle. Es gibt schlichtweg Formate, die wir allein deswegen gar nicht machen können. Nein, ich habe keine Angst. Die Stadt ist groß genug. Vielleicht werden wir um bestimmte Künstler kämpfen, aber Konkurrenz belebt das Geschäft.

Was ist die HAU-Mission oder vielmehr die Vision des von Ihnen formulierten Endlich-langsam-Verstehens?
Auch als internationales Produktionshaus ist das HAU die Ankerinstitution für die Freie Szene – wenngleich ich mich mit dem Terminus schwer tue. Es ist auch klar der Wunsch da, das mit mehr Geld zu festigen. Auf der anderen Seite sind wir die internationale Bühne in der Stadt. Neben den Gastspielen, die wir einladen, sind unsere Produktionen und Koproduktionen weltweit auf Tour. Das Lokale und das Internationale verschmelzen hier miteinander.

Das Theaterhaus als Hybrid, der die Pole Internationalität und Interdisziplinarität zusammenbringt. Das ist ein schönes Bild für eine Entwicklung, die weniger Angst als Lust bereiten sollte.
In Berlin gilt man damit immer noch als außergewöhnlich, dabei gibt es anderswo längst viele davon: Brüssel, Amsterdam, Lissabon, London oder Paris, aber auch in Budapest, Bukarest, Chisinau oder Belgrad haben wir ganz gute Verbündete. Was bewahrenswert ist? Theater, das den Finger am Puls der Zeit hat. Dieser Zeit und nicht jener.

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