Review: Tortoise Beacons of Ancestorship

Tortoise sind eine wahre Bilderfabrik. Seit rund zwanzig Jahren produzieren sie instrumentale Musik von geradezu fotorealistischer Ausdruckskraft. Daher ist es kein Wunder, dass ihre Stücke gerne als Filmmusiken verwendet werden und Schlagzeuger/Produzent John McEntire als Supervisor ganzer Soundtracks gebucht wird, wie beispielsweise für John Hughes’ dramatische Außenseiter-Studie »Reach the Rock«.

    Das neue Tortoise-Album »Beacons of Ancestorship«, das sechste seit ihrem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahre 1994, macht da keine Ausnahme; es steckt voller Anspielungen auf visuelle Szenarien. »The Fall of Seven Diamonds Plus One« etwa, ein qualvoll langsamer Tango mit theatralischen Pauken, sirrenden Gitarren und unheilvollem Kettenrasseln, schickt den Hörer zu High Noon in eine klischeehafte Westernstadt: Die Duellanten stehen sich gegenüber, Schweißtropfen auf glühendem Sand, ein Gecko huscht unter das Gebälk des nahen Saloons – wenn nur endlich einer schießen würde! Ein Postkartenmotiv, das Morricone selbst nicht dramatischer hätte vertonen mögen. Mehr Wildwestromantik gibt es in »Gigantes«: Mariachi-Gitarren, Texmex-Percussions und singende Drähte skizzieren einen abgelegenen Ort irgendwo zwischen Tijuana und East L.A. – möglicherweise ein Unterschlupf illegaler Einwanderer oder das Kokain depot der örtlichen Schmugglerbande. Der Rest ist anders: Gleich zu Anfang, bei »High Class Slim Came Floatin’ in«, einer dreigeteilten Ouvertüre aus abstrakten Rhythmen, Noise-Fetzen und schmutzig groovendem Synthesizer-Unterbau, zeigen Tortoise ihre ganze Klasse. Im weiteren Verlauf begegnen sich minimalistische Elektronica, synkopische Hiphop-Beats und allerhand Ambient-Gewaber, von McEntire geschmackssicher zusammenarrangiert und passgenau in jenes ureigene Meta-Rock-Universum implementiert, in dem Tortoise seit jeher zu Hause sind.

    Großes Alleinstellungsmerkmal von »Beacons of Ancestorship« – im Vergleich zu früheren Tortoise-Alben – ist der vermehrte Einsatz von Gitarren. Nicht mal auf »It’s All Around You«, ihrem letzten Album aus dem Jahr 2004, das bisher noch am ehesten Rock-Konventionen entsprach, hat es dermaßen gesaitet. In »Yinxianghechengqi« krachen harte Riffkanten aufeinander, bei »Prepare Your Coffin« gniedelt Gitarrist Jeff Parker aufs Geratewohl los, und in »Charteroak Foundation«, dem letzten Track dieses durchweg guten, aber leider doch nicht hervorragenden Albums, legt sich rauhes Fingerpicking über schmerzlich verzerrte Feedback-Schleifen. Trotz einiger Spielereien und bedachter Experimente klingt unterm Strich aber alles genau so, wie man es von dieser altbekannten Band gewohnt ist, die irgendwie immer noch keine andere Band so richtig gut kopieren kann. Darf man Tortoise also Stagnation vorwerfen? Ja, aber auf die ganz eigene Art.

LABEL: Thrill Jockey | VERTRIEB: NTT / RTD

VIDEO: Tortoise – Prepare Your Coffin

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MP3: Tortoise – Prepare Your Coffin

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