Tony Allen Film Of Life

Einfach spielen lassen: Jazz-Schlagzeuger Tony Allen groovt auf Film Of Life auch heute noch originär

Ein YouTube-Video zeigt die Fernsehaufzeichnung des Auftritts von Fela Kuti und Band bei den Berliner Jazztagen 1978. Erstmals wird hier einem größeren deutschen Publikum Afrobeat näher gebracht, jener Musikstil, den Kuti in der nigerianischen Metropole Lagos aus Highlife, Jazz und Funk begründete und zum Transportorgan panafrikanischer und von der US-Bürgerrechtsbewegung beeinflusster Inhalte machte, wodurch er Nigerias Militärdiktatoren zum bitter bekämpften Staatsfeind geriet. Zu Beginn des Berliner Auftritts stellt ein Landsmann Kutis die gesamte große Band vor und erwähnt dabei Schlagzeuger Tony Allen eher in einem Nebensatz – was verwundert, da Allen, über viele Jahre Kutis Mitstreiter, mehr als alle anderen Musiker als Mitarchitekt des Afrobeat gelten kann. Als einzigem Bandmitglied war ihm erlaubt, seine Parts eigenständig zu entwickeln, da selbst der als musikalischer Diktator bekannte Kuti einsah, dass es so in der Regel einfach besser klang.

Bevor Tony Allen auf Fela Kuti traf, hatte auch er, nachdem er erst als 18-Jähriger das Schlagzeugspiel begonnen hatte, eine Fusion von amerikanischem Jazz und afrikanischen Tanzrhythmen verfolgt und so seinen federnden, entspannt treibenden Signatur-Funk entwickelt, der den oft halbstündigen Polit-Trancen der Kuti-Band Africa 70 dezent die Richtung wies, und den er nach seinem Ausscheiden 1980 in neue Zusammenhänge setzte. Nicht nur im Jazz wurde Allen einflussreich, auch Rock- und Popmusiker bemühten sich um Kollaborationen, etwa Damon Albarn, der Allen zusammen mit The-Clash-Bassist Paul Simonon und The-Verve-Gitarrist Simon Tong 2007 zur Mitwirkung bei seinem Projekt The Good, The Bad & The Queen einlud und ihm so im Zuge des damals in Indie-Kreisen wiederauflebenden Afrika-Booms ein teilweise neues Publikum erschloss.

Albarns charakteristischer, stets etwas forciert nach Melancholie im morgendlichen Bademantel klingender Gesang findet nun auf »Go Back«, der Single-Auskopplung von Allens neuestem Album Film Of Life auch ein ordentliches Gewand. Ansonsten kommt Allen mit weniger Gastgesang aus als etwa auf dem 2009er Werk Secret Agent. Auch findet sich weniger elektronisches Experimentieren als auf früheren Platten, was allerdings nicht heißt, dass keine Stilbrücken zu HipHop, R’n’B und anderen Tanzstilen gebaut werden. Die fiependen Analogkeyboards und gelegentliche Paukenschläge im Stück »Boat Journey« erinnern sogar ein wenig an psychedelische Siebzigerjahre-B-Movie-Soundtracks aus Italien, wobei diese oftmals ihrerseits Afrofunk-Anleihen enthielten.

Vor allem aber knistert Allens Schlagzeug wie eh und je, auch Gitarren und Bass sind sorgsam an warm angezerrten Siebziger-Sound angelehnt. Wie eh und je fällt einem nach einigen Minuten auf, dass Allen wie alle großen Jazzschlagzeuger auch heute noch originär groovt: Der Hörer erlebt eine Art Tanztrance, die sich auch Chips-knabbernd auf dem Sofa sitzend mittanzen lässt, mit reiner Hintergrundmusik aber nichts zu tun hat. Garantiert erweist es sich dem vielleicht rhythmisch durchaus nicht unbegabten Sofasitzer aber als komplett unmöglich, Allens Swing auf den Schenkeln mitzuklopfen – so wie es selbst hunderte von Nachfolgejazzern und Afro-Indie-Hipstern, die es immer wieder versuchten, nie vermochten. Fela Kuti wusste schon, was er tat, als er Tony Allen einfach spielen ließ.

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