Mount Kimbie / James Blake

Wie viel Dubstep steckt noch im Post-Dubstep? Das fragt sich wohl der eine oder andere im Hardcore Continuum ansässige Ostlondoner, der mit Dubstep adoleszente Aufwühlung verbindet. Historisch neu ist diese Substanzsuche natürlich nicht, schon der Pogo-Veteran, der 1979 ein Konzert von sagen wir PIL oder den Swell Maps besuchte, dürfte grübelnd nach dem Punk im Post-Punk gesucht haben. Die Frage nach der Essenz mag spießig sein, drängt sich aber doch immer wieder auf, zum Beispiel, wenn man die neuesten Tracks der Post-Dubstep-Protagonisten Mount Kimbie und James Blake hört.

Während Mount Kimbie mit ihrem im letzten Jahr erschienenen Album Crooks & Lovers eine Ästhetik der Vermischung vorantrieben und selbst vor Schweinerock und Shoegaze nicht zurückschreckten, steht James Blake für eine Ästhetik des Entzugs und der Wartepause. Carbonated, zu dem Mount Kimbie nun eine Remix-EP mit zusätzlichen unveröffentlichten Tracks herausbringen, war mit seinem warmen Düsesound das vielleicht beste Stück auf Crooks & Lovers. Während Airhead, ein Typ aus der Liveband von James Blake, Carbonated rücksichtslos zerbröseln lässt, verpasst der Belgier Peter van Hoesen dem Track eine amtliche Darkrave-Postproduktion. Sympathisch an Mount Kimbie ist, dass sie bei allem Verfeinerungswillen ihre Liebe zu kleinen, feinen Hooliganismen nicht verhehlen. Das Ergebnis auf der Carbonated-EP ist in den schönsten Momenten eine subtil angeprollte Klangkunst. Tendenziell öde wird es allerdings, wenn die neuen Stücke ins ambienthaft Atmosphärische gleiten, denn interessant sind Mount Kimbie eben vor allem als vielfach gespaltene, reflexive Partytiere.

hessle-audio-116-and-rising-cover    Und James Blake? Bei einer Diskussionsveranstaltung im Roten Salon der Berliner Volksbühne wurde neulich gemeinsam mit Diedrich Diederichsen das Pathos- und Peinlichkeitspotenzial seines Singer/Songwriter-Steps abgeklopft. Am Ende der Debatte wurde Blake unisono gegen naheliegende Narzissmus- und Neue-Bürgerlichkeits-Vorwürfe in Schutz genommen. Auf der neuesten Compilation des Labels Hessle Audio findet sich nun die 2nd Version seines älteren Stücks Give a Man a Rod. Man weiß nicht, wie programmatisch und richtungweisend James Blake diese Version meint, doch klingt sie überraschend direkter, physischer und schnittiger als die erste Fassung. Anstatt die begonnene Entkernung von Dubstep weiter voranzutreiben, baut Blake ein retardierendes Moment in die Post-Werdung von Dubstep ein und sucht nach Füllmaterial für all die Leerstellen, die er selbst geschaffen hat. Doch keine Sorge, damit fällt Blake nicht hinter sich selbst zurück. Es ist nach wie vor großartig, wie er einen immerzu vom Kollaps bedrohten Track über Wasser halten kann, wie er dem Stolprigen und Fahrigen eine Form zu geben versteht. Zugleich macht er sich aber ähnlich wie Mount Kimbie auf die Suche nach jener ursprünglichen Physikalität, die im Zuge der Dematerialisierung und Abstraktion im Step-Genre verlorenzugehen droht. Der Post-Dubstep bekommt seinen Körper zurück, sei dieser auch noch so fragmentiert. So viel zur Eingangsfrage.

MOUNT KIMBIECarbonated EP | LABEL: Hotflush Recordings | VERTRIEB: Word And Sound / AL!VE | : 18.07.2011

VARIOUS ARTISTS116 & Rising | LABEL: Hessle Audio | VERTRIEB: ST Holdings | : 16.05.2011

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