Africa Hitech

africa-hitech-93-million-miles-cover    AFRICA HITECH ist das Baby von Mark Pritchard und Steve White alias Spacek. Der australische Brite Pritchard steckt hinter Global Communication, Harmonic 313, Troubleman und etlichen anderen Projekten. Der Bassist, Sänger und Produzent White gründete 1996 im Geiste der Walkers und Ramones die Falsche-Brüder-Band Spacek und zählt(e) J. Dilla und King Britt zu seinen Freunden. Neben der Erfahrung verbindet Pritchard und White die Neigung zu bassbetonten Musiken unterschiedlichster Ausprägung – Hauptsache Hardcore Continuum. Mit diesem Begriff bezeichnet der Journalist Simon Reynolds den langen Fluss von untereinander verwandten und sich ablösenden Musikstilen, die seit Ende der Achtziger in der Folge des britischen Rave aufkamen, vor allem in Gegenden Englands mit vielen Einwanderern aus der Karibik. Er beschreibt den langen Weg von Jungle über Grime und Dubstep zum Juke. Letzterer kommt zwar als Underground-Variante des House aus Chicago, aber: so what? Globale Zeiten.

    Aus diesem Hardcore Continuum speist sich das erste komplette Album von Africa Hitech. Der Name, den Pritchard und Spacek gewählt haben, ist Programm. Und möglicherweise Problem. Die vermeintlichen Gegensätze im musikalischen Schmelztiegel zu überwinden: Afrika, Mutterland aller Riddims, und Hightech, riddimstiftende Technologie, united im Projekt Africa Hitech. So war’s wohl gedacht. Problematisch ist die sicher gutgemeinte Zu- und damit Festschreibung der Gegensätze: Afrika, ewig rückständige Konstante, viel Rhythmus, wenig Technologie, und Hightech gleich Europa. Dabei umgeht die Musik solche Zuschreibungsfallen. Das Hardcore Continuum wird hier nicht als Fortsetzungsroman erzählt. Pritchard und Spacek entfalten ein in sich logisches, gleichzeitiges Nebeneinander angloafrokaribischer Bassmusiken und behalten dabei – was heute selten genug ist – die Dramaturgie des Albumformats im Auge. Das Herz, die Matrix des Hardcore Continuums ist die jamaikanische Soundsystem-Kultur mit ihrem endlosen Fluss aus Versionen, Antworten, Dialogen, Überschreibungen, Overdubs. Diese Matrix bestimmt das Album. Minimalistische Abstraktionen – wir sind beim Warp-Label – werden geerdet durch Vokalkunst aus der Goldgräberzeit der jamaikanischen Musik, die Königsdisziplin Lovers Rock inklusive.

    Nach Jamaika kam die Musik einst aus Afrika, mit den Sklavenschiffen. In Richtung Großbritannien zog sie weiter mit den Töchtern und Söhnen der Sklaven, die sich im kolonialen Mutterland ein besseres Leben versprachen. Die Liebe zum anglokaribischen Basskontinuum hat in den letzten 35 Jahren viele tolle Platten hervorgebracht: Pop Group, Slits, Massive Attack, Roni Size, Burial, Anika. Wie ihre Vorläufer arbeiten Africa Hitech an der (Re-) Konstruktion eines musikalischen Sehnsuchtsortes namens Jamaika, den es so nicht nur nicht mehr gibt, sondern nie gegeben hat. Jamaikanischer Dancehall klingt schon ewig nicht mehr nach den langsamen Sklavenschiffen aus Sir Coxsones Studio One. Eher so, als hätten böse Mächte Dr. Alban, DJ Bobo und Captain Hollywood in schnelle Luftschiffe gesetzt; mit der Mission, die finale Eurotrashisierung afrokaribischer Musik durchzusetzen. So kann man 93 Million Miles als postkolonialen Treppenwitz lesen: Europäische Produzenten aus dem einstigen Kolonialreich erklären globalisierten Zeitarbeitern in Kingston, wie die kostbare Musiktradition Jamaikas im zweiten Jahrzehnt des 21.Jahrhundert gepflegt werden kann, mit allem Respekt, mit Afrika und Hi-Tech. Immer diese Widerspr …

AFRICA HITECH93 Million Miles | LABEL: Warp | VERTRIEB: Rough Trade | : 09.05.2011

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VIDEO: AFRICA HITECH – Out In The Streets

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STREAM: AFRICA HITECH – 93 Million Miles (Album Sampler

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