»Toni Erdmann« – Filmfeature zum Kinostart

Die Berliner Regisseurin Maren Ade hat eine der besten Komödien seit Jahren gedreht. Toni Erdmann ist Vater-Tochter-Kiste und Kapitalismussatire zugleich. Das fiese Grinsen übernehmen dabei die Gummizähne.

»Woman director tipped to win Cannes with German comedy« – die Schlagzeilen der internationalen Presse zum Überraschungserfolg von Maren Ades Wettbewerbsbeitrag Toni Erdmann klangen, als stammten sie selbst aus einer Komödie. Deutsche und Humor – das ist für viele Journalisten nicht mehr als ein Running Gag, durchaus nicht zu Unrecht. Eine Goldene Palme war Ade im boys club von Cannes letztlich nicht vergönnt, als heimliche Gewinnerin 2016 galt sie vielen dennoch.

Denn ihr brillanter Nachfolger zu Alle Anderen (in Alexis Waltz‘ Besprechung des Films anlässlich der Berlinale 2009 hieß es: »ein aufregender Film … so präzise beobachtet, wie man es im deutschen Film und Fernsehen nur sehr selten erlebt«) ist viel mehr als »nur« eine Komödie, unter anderem eine Erkundung des deutschen Humors an sich.

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Für den steht in persona die männliche Hauptfigur Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein gemütlicher Musiklehrer mit einer Vorliebe für Sparwitze übelster Sorte. So trägt er stets ein Gummigebiss mit sich herum, allzeit bereit für den nächsten Kalauer. Als er seine dauergestresste Tochter in Bukarest besucht, wird seine ungebrochen gute Laune auf die Probe gestellt: Ines (Sandra Hüller) arbeitet erfolgreich in einer Consulting-Firma, ist völlig aufgegangen in den grausigen Verwerfungen der internationalen Businesswelt und kann die Anwesenheit ihres peinlichen Vaters kaum ertragen. Winfried verschwindet gekränkt, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen: als fiktiver Geschäftsmann Toni Erdmann, mit Gummizähnen und Perücke.

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Die andere Form der deutschen Befindlichkeit, die Ade nun auslotet, ist die des Peinlich-berührt-Seins. Sie lässt die penetrante Jovialität des Vaters auf die Verklemmtheit der Tochter prallen und entwickelt daraus großartig absurde Momente, die nie konstruiert wirken. Sie durchläuft scheinbar mühelos verschiedene Modi der Komödie, von grandiosen Unbequemlichkeiten im Stil von Judd Apatow über surrealistische Einschübe bis zu höchst stilvollen Spermawitzen. Und vor allem verliert sie auch die anderen Pole des Plots nicht aus den Augen: Toni Erdmann ist ebenso berührendes Familiendrama wie kühle Satire auf den globalisierten Kapitalismus. Das macht Maren Ades Film nicht nur zur besten deutschen, sondern zur besten Komödie seit Jahren überhaupt.

Toni Erdmann
Deutschland 2016
Regie: Maren Ade
Mit Sandra Hüller, Peter Simonischek u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 369 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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