Ton, Steine, Trümmer – Trümmer-Sänger Paul Pötsch im Gespräch

Trümmer komplett mit Sänger und Armverschränker Paul Pötsch Foto: Alexandra Kinga Fekete

Auf ihrem neuen Album Interzone verabschieden sich Trümmer vom Proberaum-Flair des Vorgängers. Dafür singt Paul Pötsch von Selbstbefreiung, Kontrollverlust und der Notwendigkeit, sich selbst zu überlisten. Im Gespräch mit SPEX verrät er, warum er davon träumt, Acid auf Berlin zu sprühen, weshalb pure Vernunft niemals siegen darf und was man auch heute noch von Rio Reiser lernen kann.

Paul, das neue Material wirkt deutlich poppiger als der Vorgänger. War das beabsichtigt?
Mit »poppiger« würde ich das gar nicht unbedingt umschreiben. Das wirkt vermutlich so, weil wir Wave, Disco, Rock, Punk und sogar Blues zu dem vermischen, was uns gerade gefällt. Den Vorgänger haben wir noch live aufgenommen, nun haben wir viel stärker die Möglichkeiten des Studios ausgenutzt. Die Demos haben wir zwar zusammen geschrieben, aber jeder hat am Ende seine Teile selbst eingespielt. Das klingt deswegen aber keineswegs glatt. Es sind noch ausreichend Schmutz und Lebendigkeit in den Songs. Bei einem Album sollte man sich generell auf eine bestimmte Arbeitsmethode beschränken, um nicht vollkommen durchzudrehen.

»Es sind noch ausreichend Schmutz und Lebendigkeit in den Songs.«

Dabei scheint gerade die Lust am Kontrollverlust das zentrale Thema auf Interzone zu sein.
Es ist auf jeden Fall ein relevantes Thema. Das Album schließt im Grunde an den Vorgänger an. Es geht uns immer noch um Utopien und die Freiräume, in denen man leben möchte. Nun findet sich das in ausgebreiteter Form thematisiert. Damals war unsere Musik mit Songs über Gentrifizierung noch politischer angelegt. Das geschieht zwar auch auf Interzone, aber wesentlich subtiler. Jetzt spielt alles in einer romantischeren Dimension: Viele Stücke handeln in der Nacht, erzählen von Zwischenräumen und Zonen, die wir auch als Band erlebt haben.

Schorsch Kamerun hat im Interview mit SPEX kürzlich angemerkt, dass man den Feind in Zeiten der Selbstoptimierung verinnerlicht hat. Wie viel Platz bleibt bei diesem Umstand noch für Utopien?
Die Leute haben unfassbare Angst vor sich selbst und sind mehr denn je auf externe Bestätigungen wie zum Beispiel ein Diplom oder einen Masterabschluss angewiesen. Erst das empfindet man als Legitimation, an sich zu glauben. Ich finde das schade. Vor allem meine Generation ist mit Imperativen belegt, die einem ständig suggerieren, dass man wissen muss, was man im Leben vorhat. Selbst die Freiräume – zum Beispiel ein Jahr Auslandsaufenthalt in Australien – sind bereits durchrationalisiert. Der Ausbruch ist Teil der Eingliederung geworden. Das ist doch eine öde Form von Biografie. Stattdessen sollte man lieber hinterfragen, wer diese Kriterien aufgestellt hat. Es gibt schließlich noch andere Wege. Die sind zwar allesamt unsicherer, dafür aber interessanter. Ich finde, man kann diese Unsicherheit auch als etwas Positives begreifen und versuchen, dem System einen Streich zu spielen. Dem kann Kunst dienen. Auf unserem neuen Album geht es häufig um den Rausch der Liebe und die Liebe zum Rausch. Mich reizt die Hingabe an eine Sache, die größer ist als Vernunft und Kontrolle. Das verstehe ich durchaus als Haltung.

»If you want to fight the system, you have to fight yourself« hieß es dementsprechend auch schon auf eurem Debüt im Song »1000. Kippe«. Dieser Ansatz erinnert an Ton Steine Scherben, die einmal sangen: »Alles verändert sich, wenn du es veränderst.« Politische Befreiung implizierte bei den Scherben immer Selbstbefreiung. Eine Band, die du jetzt in »Nitroglyzerin« explizit erwähnst. Heute wirken diese Perspektiven hingegen voneinander getrennt, so wie es Diederichsen bereits in Sexbeat beschrieb: Pop erscheint entweder als private »Innenperspektive«, das heißt als »Material für Träume« oder als »soziales Material für gesellschaftliche Projektionen.«
Die Scherben werden oft als naiv bezeichnet. Ich hingegen würde sagen, dass eine bestimmte Form von Naivität an sich zu Musik gehört. Ansonsten müsste ich Gefühle als naiv beschimpfen. Ich finde Ton Steine Scherben gerade deswegen so großartig und zeitlos, weil die Gruppe vor allem auf emotionaler Ebene funktioniert. Trotzdem griff die Band politische Themen auf. Das gilt auch für unser aktuelles Album. Ich hätte es beispielsweise als unverantwortlich empfunden, die Flüchtlingskrise nicht zu kommentieren. Das Stück »Europa Mega Monster Rave« tut das in einer sehr zornigen Form. Es ist in unserer Punkrock-Oper Vincent entstanden, die wir vergangenes Jahr aufgeführt haben und ist neben »Das Glitzern der Nacht« die einzige Nummer, die nun auch auf dem Album erscheint. Dafür hat das Stück aber einen neuen Text bekommen. Damals haben wir inhaltlich extrem lange über den Song diskutiert. Es gab Bedenken, dass der Song zu stark bagatellisieren würde. Ursprünglich ist das Stück aber im Scherz entstanden. Ich hatte die Idee, in Dresden bei einer Pegida-Kundgebung, als Junge Union getarnt, einen Freibier-Stand zu organisieren und Ecstasy in die Getränke zu mischen.

»Selbst die Freiräume sind bereits durchrationalisiert.«

Davon ist nur noch die Zeile »Mit Flugzeugen sprühen wir Acid auf Berlin / Im Regierungsviertel ist niemand mehr clean« übrig geblieben. Das Stück wirkt beim ersten Durchlauf trotz der ernsten Thematik fast schon ein wenig albern.
Das ist im Grunde ein ganz klassischer Songwriter-Trick, den ich von Morrissey zu Smiths-Zeiten geklaut habe. Es ist ganz simpel: Traurige Musik, fröhlicher Text. Fröhliche Musik, trauriger Text. So funktioniert auch das Titelstück »Grüße aus der Interzone«: Inhaltlich geht es um Depressionen, Antriebslosigkeit und Trennung. Musikalisch ist das hingegen in der Rock-Tradition der Strokes verpackt.

»Interzone« ist ja auch der Titel eines Stücks von Joy Division.
Referenzen stellen sich bei uns automatisch ein. Die Texte sind dieses Mal jedoch assoziativer entstanden. Ich habe mich beim Schreiben von Interzone an der Schreibform orientiert, die die Surrealisten Écriture automatique nannten. Mit der einen oder anderen Flasche Wein ist mir jenes Schreiben ohne Nachdenken auch gelungen. Nach drei Nächten hatte ich ein sehr langes Dokument vor mir, das ich dann mit Notizen aus den letzten Jahren ergänzt habe. Interzone war als Begriff sehr präsent. Als der als Albumtitel feststand, haben wir erst recherchiert, wo das Wort überall auftaucht. Unter anderem als Bar in Naked Lunch und als zentrale Szene im Roman von Burroughs. Das war aber keine bewusste Anspielung.

Eine ausführliche Besprechung des neuen Trümmer-Albums Interzone ist in der aktuellen Printausgabe SPEX N° 368 zu lesen. Das Heft ist im Zeitschriftenhandel erhältlich oder hier versandkostenfrei zu bestellen.

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