Tocotronic im Gespräch über >20<-Jahre Tocotronic

Tocotronic   FOTO: Michael Petersohn
Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Jan Müller (v.l.)   FOTO: Michael Petersohn

Im 20. Jahr ihres Bestehens veröffentlichen Tocotronic am 26. Juli die Compilation >20< mit zwanzig raren und unveröffentlichten Live- und Proberaumaufnahmen sowie einem Remix (Titelliste am Artikelende). Bereits für SPEX N°342 hatten Dirk von Lowtzow und Jan Müller ein Jubiläumsinterview gegeben. Ein Gespräch über Cordhosen und Adiddasjacken, bewusste Positionierungen, Erwartungshaltungen und Klischees sowie über jene frühe Tocotronic-Songs, die heute nicht mehr funktionieren.

Wie habt ihr euch damals in Hamburg kennengelernt?
JAN MÜLLER: Arne Zank und ich kennen uns am längsten. Die Schulpflicht hat uns zusammengebracht, wir waren wohl 13 Jahre alt, als wir uns trafen, und hörten darauf dann schon bald zusammen viel Punk und andere Musik, kauften Schallplatten und gründeten in den 80er-Jahren verschiedene Bands. Und dann lernte ich Dirk von Lowtzow im Jahre 1993 an der Hamburger Universität kennen, woraufhin wir sofort eine Band gründeten, da die sehr dem Genre Punk beziehungsweise Hardcore verpflichtete Gruppe, die Arne und ich zu der Zeit hatten, auslief. Es war ein sehr natürlicher Prozess, sich dann mit Dirk in den Proberaum zu begeben. Dirk hatte damals gerade angefangen, auf Deutsch zu texten …
DIRK VON LOWTZOW: Ich wurde von euch gezwungen!
JM: Quatsch!
DvL: Doch! ich bin in Offenburg aufgewachsen, im Mittelbadischen …
JM: … wo man Französisch spricht.
DvL: … und bin dann nach Hamburg gezogen. Ich hatte auch schon in diversen Bands gespielt, aber immer auf Englisch getextet, weil ich mit deutschsprachiger Musik einfach nichts am Hut hatte und nach England und Amerika orientiert war. Als ich dann in Hamburg ankam, war klar: »Hier spricht und singt man Deutsch.« (lacht) Was man heute gemeinhin als »Hamburger Schule« bezeichnet, begann gerade: Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, Kolossale Jugend, Blumfeld … Jan und Arne waren durch ihre Deutschpunk-Sozialisation sowieso schon mit deutschen Texten vertraut. Ich habe dann einfach angefangen, meine auf Englisch bereits fertig getexteten Stücke auf Deutsch zu übersetzen.
JM: Stimmt! So war das.
DvL: Und durch die Übersetzung kam auf einmal der Humor in die Musik, das Scharnierhafte, die Wortspielereien wurden deutlich, und beim Übersetzen wurde ich zu Geistesblitzen quasi gezwungen, um mich aus misslichen Situationen zu befreien. Aus »Say Hello« wurde »Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit«. So war es zumindest bei den ersten vier, fünf Liedern, die wir einstudierten.

Und wie kam Rick McPhail dann zur Band?
JM: Ricks Freundin ist mit Dirk aufgewachsen. Rick zog nach Hamburg, wir hatten mehr miteinander zu tun, und er verkaufte dann im Jahre 1999 bei der K.O.O.K.-Tour T-Shirts für uns.
DvL: Der Freund meiner besten Freundin, so ein stylisher, gut aussehender Typ – das war für uns der perfekte T-Shirt-Verkäufer! Ich glaube aber nicht, dass Rick heute wieder in den Textilwarenhandel zurück wechseln möchte. Kurz bevor wir mit Tobias Levin das sogenannte weiße Album aufnahmen, absolvierten wir dann die ersten Konzerte mit Rick, da wir auf der K.O.O.K.-Tour gemerkt hatten, dass uns einfach noch jemand fehlt, der Gitarre und Synthiegeblubber spielt. Das weiße Album nahmen wir noch zu dritt auf, erst danach wurde Rick offizielles Mitglied, mit der Aufnahme von Pure Vernunft darf niemals siegen im Jahre 2003.
JM: Was auch zeigt, was für eine eingeschworene oder sogar verschworene Gemeinschaft wir als Band waren – Rick wurde ganz langsam, Schritt für Schritt, integriert. Es hat seine Zeit gedauert.
DvL: Obwohl er sich von Anfang an sehr »integrationswillig« gezeigt hat.

Wenn ich an die frühen Tocotronic denke, kommen mir natürlich die Trainingsjacken in den Sinn. Wie kam es zu diesem Look, der zu einer Art Kostümierung wurde?
DvL: Das war definitiv ein Hamburger Ding.
JM: In unserem Freundeskreis um den Filmemacher Hendrik Peschel herum war das ein Look, den man damals vertreten hat. Wir haben das tatsächlich zu einer Art Kostümierung überhöht, inklusive der Cordhosen. Arne musste sich vor dem ersten öffentlichen Auftritt extra eine Cordhose kaufen, da er bis dato gar keine besaß. Er sah das auch als Abgrenzung zum Punk der späten 80er-Jahre, indem man eine Art von 70er-Spießigkeit kultivierte und sich wie ein Beknackter kleidete. Wir grenzten uns so auch von der machohaften Hardcore-Szene ab, in der gerade Piercings und Tattoos aufkamen, andererseits eben auch von der Diskursrock-Ecke, die sehr vom Modtum und den Sixties beeinflusst war – hier trug man Anzüge. Es gab aber nicht nur uns, mir fallen auch noch Huah! ein, die noch wesentlich bunter als wir aussahen. Es hat großen Spaß gemacht, in Altkleidercontainern und Second-Hand-Läden nach ausgefallenen T-Shirts oder Trainingsjacken zu suchen. Ich fand mal ein Shirt, auf dem »Blendax Jugendteam« stand und war sehr stolz darauf. Wir sahen wie verunfallte Popper in Uniformen aus.
DvL: Modehistorisch ist es zu dieser Zeit nicht unüblich gewesen, solch eine Art von Umdeutung vorzunehmen. Es gab ja auch in der Haute Couture einen Umbruch Ende der 80er: von Claude Montana und Thierry Mugler, die sehr körperbewusst schneiderten, hin zu der konzeptuellen avantgardistischen Mode aus Antwerpen von Martin Margiela oder Ann Demeulemeester sowie Comme Des Garçons: »unsexy«, unmachistische Schnitte, verpönte Materialien, maßgeschneiderte Müllsäcke.
JM: Von all dem hatten wir damals natürlich …
DvL: … überhaupt keinen blassen Schimmer.
JM: Vieles passierte unbewusst. Wir mochten den Grunge-Look mit den Karohemden und langen Haaren nicht – auch davon wollten wir uns abgrenzen und haben einen quasi lokalen Hamburger Grunge-Look entwickelt.
DvL: Mit Bryan-Ferry-, Human-League-…
JM: … oder Helmut-Schmidt-Gedächtnisfrisuren.

Hat die Gruppe Tocotronic im Jahre 1993 eine 20 Jahre andauernde Karriere vor sich gesehen?
DvL: Wir waren damals, nach den ersten zwei Alben, sehr überrascht, dass unsere Musik überhaupt jemanden interessierte und wir sie veröffentlichen konnten. Wir sind da geradezu reingeschlittert. ich habe nur für den Moment gedacht. Das gilt aber wohl generell für jeden 22- oder 23-Jährigen, möchte ich meinen – wer denkt schon darüber nach, was er mit 42 macht?
JM: Ich habe mich beim Jurastudium natürlich in 20 Jahren in einer holzgetäfelten Kanzlei sitzen sehen. Dieser Traum ist leider verpufft.
DvL: Wenn ich die Lassie Singers zitieren darf: »Nur weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß.« Im Ernst: Wir haben uns ja nie als reine »Musiker-Musiker« verstanden. Unser Hauptinteresse galt der Musik, wir waren Fans und hatten ja auch schon in anderen Bands gespielt, das Projekt Tocotronic war aber immer relativ offen. Die Musik war Mittel zum Zweck, nämlich unsere spinnerten Ideen auszuleben. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass wir anfänglich keinen besonderen Wert auf musikalisches Können gelegt haben, wohingegen man heute ja erstmal vier Jahre in der Popakademie büffeln geht. Uns ging und geht es um die Freundschaft und um das zusammenwirken dieser drei, heute vier Individuen und nicht so sehr um ein Genre von Musik, dem man sich verpflichtet fühlt, beispielsweise dem Punk- oder Hardrock. Da wir vier Freunde geblieben sind und sich der musikalische Horizont immer erweitert, kann ich mir schon vorstellen, dass es Tocotronic auch in 20 Jahren noch geben wird. Nur klingt die Musik dann vielleicht anders oder sie äußert sich mit neuen künstlerischen Mitteln. Letztlich ist es mit dem neuen Album schon so: Wir hätten so etwas vor 15 Jahren niemals aufnehmen, und ich hätte so nie texten können. Das geht erst heute, da man sich weiterentwickelt hat, und vielleicht bleibt es, im besten Falle, so.
JM: Für mich ist es sehr schön zu merken, wie die Hörer die Entwicklung der Band wohlwollend begleiten und es sogar von uns erwarten, von einem neuen Album überrascht zu werden. Drängte man uns, sich immer wieder zu wiederholen – eine gruselige Vorstellung!
DvL: Und genau das stachelt uns an: Wir möchten die Leute entführen … ins, äh, »Abenteuer«.
JM: …land!
DvL: Wie Rattenfänger!

Habt ihr das Gefühl, dass es euren Hörerinnen und Hörern manchmal schwer fällt, euch zu folgen?
DvL: »Wer kann das denn noch verstehen, was ihr da macht?«, oder »ist das nicht viel zu kompliziert?« – solche Fragen höre ich ab und an. Ich empfinde das als sehr unangenehm, weil der Fragesteller die Fans damit unterschätzt. Unsere Hörerinnen und Hörer sind ja nicht blöd, ganz banal ausgedrückt. Hier zeigt sich, wie kategorisiert gedacht wird. Es wird davon ausgegangen, dass man uns ab einem bestimmten Punkt nicht mehr folgen kann. Wir haben immer die Hoffnung, dass, wenn wir die Schraube noch etwas weiter drehen, es den Leuten Spaß bringt – sich mit den Texten und der Musik auseinanderzusetzen und sich Gedanken zu machen.
JM: Gewisse Journalisten nehmen uns sehr textfixiert wahr und vergessen dabei, dass es noch immer Popsongs sind, um die es sich hier handelt. Oft sind sie einfacher gemeint, als gedacht wird.
DvL: Jeder kann die Texte so interpretieren, wie er will. Es ist beglückend zu hören, wie unterschiedlich Texte von den Hörern interpretiert werden und wie stark die Texte an den eigenen Körper herangeholt werden. Hier kommen Menschen zu Schlüssen, die ich als Texter in den kühnsten Träumen nicht gezogen hätte. Kürzlich sagte mir ein 18-Jähriger, dass unser Stück »Im Zweifel für den Zweifel« ihm sehr im Abiprüfungsstress geholfen und Mut gemacht hätte. Das war sicherlich das letzte, woran ich beim Texten gedacht habe. Die Fähigkeit des Hörers, Texte umzudeuten, zu übersetzen, sie zu inhalieren, sich einzuverleiben, sie zu verdauen, auf sein eigenes Leben und seinen eigenen Körper zu stülpen, das wird unterschätzt. Es ist ein großes Glück, dass wir ein Publikum haben, das dazu in der Lage ist und dem das sogar Spaß bringt – entgegen der Befürchtung vieler Journalisten. Das lässt uns weitermachen.

Gibt es ältere Lieder, die ihr heute nicht mehr live spielt?
DvL: Die gibt es. Zum einen waren das Studiogeburten, zum anderen sind es Stücke der ganz frühen Alben, die sehr unmittelbar entstanden sind, in schneller Abfolge – drei Alben in einem Jahr, das vierte folgte dann nur ein Jahr später. Diese Stücke entstanden nach dem Durchlauferhitzerprinzip: Alles, was man erlebt in dieser wichtigen Phase zwischen 22 und 25, 26, das muss reingeholt, aufgekocht und sofort wieder ausgeschüttet werden. Und so etwas verliert dann natürlich irgendwann an Aktualität.
JM: … und ist entgoldet, von Grünspan bedeckt.

Tocotronic sind ab November auf Tour – präsentiert von SPEX. Alle Termine und der VVK-Link finden sich hier.

Tocotronic >20<
1. Jungs, hier kommt der Masterplan (Live, Frequency-Festival, 2012)
2. Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (SAE-Studio, Hamburg, 1994)
3. Drüben auf dem Hügel (Proberaum, 1994)
4. Was wird aus all den gebrochenen Herzen? (Proberaum, 1994)
5. An diesen langweiligen Tagen (Proberaum, 1993)
6. Der Cousin (Proberaum, 1993)
7. Hamburg rockt (Live in Hamburg, Kir, 1994)
8. Freiburg (Live in Freiburg, KTS-Kaserne, 1995)
9. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein (Live in Amsterdam, Village Radio, 1995)
10. Du bist immer für mich da (Live in Hamburg, Große Freiheit 36, 1997)
11. Die letzte Adresse (Proberaum-Demo, 1998)
12. Um die Ecke (gedacht) (Live in München, Volkstheater, 1999)
13. Das Unglück muß zurückgeschlagen werden (Live in Chicago, WNUR Radio, 2000)
14. This Boy is Tocotronic (Live in Köln, WDR-Sendesaal, 2002)
15. Pure Vernunft darf niemals siegen (Lawrence-Remix, 2005)
16. Mein Prinz (Live in Bremen, Schlachthof, 2005)
17. Andere Ufer (Live in Wien, Radiokulturhaus, 2007)
18. Aus meiner Festung (Live in Berlin, Columbiahalle, 2007)
19. Eure Liebe tötet mich (Live in Müchen, Tonhalle, 2010)
20. Wie wir leben wollen (Live in Wien, Burgtheater, 2013)

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