Title Fight Hyperview

Genug gekotzt! Auf Hyperview sind die vormaligen Stürmer und Dränger von Title Fight endgültig erwachsen geworden.

Wenn das Leben immer komplizierter wird und die knackigen Slogans nicht mehr greifen wollen, setzt Erschöpfung ein. Title Fight sind das beste Beispiel dafür. Nicht nur, weil sie den angerauten Pop-Punk ihres Debütalbums zunehmend gegen verwaberten Indierock eingetauscht haben, sondern weil die vier US-Amerikaner nach all dem Sturm-und-Drang-Gehabe zu kapitulieren scheinen. »Shed your skin / Find a better body to fit in«, lautete noch die Losung auf dem Debütalbum Shed von 2011. Runter mit der Haut, raus aus der Sicherheitszone! Die »Crescent-Shaped Depression« der beengten und trostlosen Heimatstadt Kingston, Pennsylvania, auskotzen, den Kopf gegen die Wand donnern. »The disapproval’s all I need / To keep my conscience clean.« Direkt vom Herzmuskel kommend, rausgeschrien über durch Selbstgedrehte und Supermarkt-Whisky angeraspelte Stimmbänder: »19 years old / And draining out all of my insides.« Das waren Title Fight 2011. Schnell, catchy, direkt.

Auf dem Album Floral Green, das im Folgejahr erschien, schlug die Band schon weniger kräftige Töne an. Die Teenage-Angst wich hier und da Verunsicherung und die farbenfrohe Körperlichkeit des Debüts zunehmend einer verblichenen Textur wie sie im Titel schon angedeutet wurde. Nach dem Ausbruch machte sich Müdigkeit bemerkbar: »I made promises that I can’t keep / I feel asleep.« Wenn das dieses ominöse Erwachsenwerden ist, schien Floral Green zu sagen, dann wollen wir wieder Kinder sein. Oder zumindest die Xanax-Dosis erhöhen. Die Gitarren klangen verwaschener, der markante Gesang von Bassist Ned Russin und Gitarrist Jamie Rhoden wurde weicher, das Tempo merklich zurückgeschraubt. Auf Shed bretterten Title Fight noch in 27 Minuten durch zwölf Songs, Floral Green brauchte für elf ganze fünf Minuten länger.

Hyperview tupft die Akzente jetzt noch sanfter hin, sogar wesentlich sanfter als die 2013 veröffentlichte EP Spring Songs. Shoegaze ist eine Referenz, der Midtempo-Dork-Rock um Neunziger-Bands wie Hum eine andere. Russin singt kaum noch, und Rhoden verlegt sich auf entrücktes Seufzen. Hits gibt es kaum, die Hooks sind vernebelt. Was auf den zehn Songs von Hyperview – ja, wieder einer weniger – zu hören ist, das sind nicht mehr die Title Fight von damals. Die Teenager, die ihr Innenleben auf die Kellerbühnen dieser Welt gekotzt haben, sind endgültig auf unbequeme Art erwachsen geworden. Es klingt nicht immer so, als würde es ihnen damit gut gehen. Aber es klingt sehr gut.

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