Erich Mühsam und sein Anarchismus

Erich Mühsam (1878 – 1934)
Erich Mühsam (1878 – 1934)

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Die meisten Deutschen hielten ihn für einen gemeingefährlichen Irren. Sein roter Bart, das wirre Haar, seine stete Anstiftung zur Aufruhr, für eine Revolution der Armen und ein Leben ohne »Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Staat« – und Jude war er auch noch. Später schlugen sie ihn tot.

   Mit Anfang 20 zog der Apothekersohn Erich Mühsam von Lübeck nach Berlin und wurde – »kein Geld im Sack, kein Schlips am Hals« – Teil der dortigen Boheme. Er schrieb Gedichte, Marschlieder, Dramen, Manifeste, lernte Reden halten, streiten, agitieren und war schnell eine lokale Berühmtheit, auch bei der Polizei. Es folgten Wanderjahre und dann, 1909, der Umzug nach München­ Schwabing, wo er zu dem Mann erblühte, dessen Weltverbesserungswille, Menschen­ liebe und Kompromisslosigkeit noch heute – oder besser: gerade heute erstaunen.

   In diesen Jahren ist Mühsam immer auf der Suche, vor allem nach Liebe und »einem richtigen Koitus«. Er lässt nichts aus in seinen wundervollen Tagebüchern, nicht den Tripper, die Filzläuse und die Enttäuschung, wenn eine von den Friedas oder Maries wieder nur sein Geld will, aber nicht den Rest. Geld fehlt sowieso immer, weil er allen gibt, die etwas brauchen, und mit dem Schreiben nie genug verdient. Er schreibt ja auch nur was und für wen er will, und dann zum Beispiel so:

   »Ich durchwandelte betrübten Schrittes Wien. In meiner Tasche trug ich die schmerzliche Mitteilung, dass das Berliner Landgericht mich in drei Tagen zu sprechen wünschte … Ich brannte natürlich darauf, der Einladung des Herrn Staatsanwaltes zu folgen. Leider hat mich aber die gütige Vorsehung nicht mit dem genügenden Reisegeld in die Welt geschickt.« Also geht der gewitzter Provokateur zum kaiserlich deutschen Generalkonsulat und verlangt Moneten, denn man werde ja sicher nicht zögern, »dem Heimverlangenden über die Schwelle des Vaterlandes zu helfen«. Und wie man zögerte! »Daher geriet ich denn in den Zustand ratloser Verzweiflung darüber, dass ich nicht Raubmörder, sondern nur politischer Verbrecher war. Hätte ich jemand umgebracht, geraubt, geplündert, brandgestiftet oder genotzüchtigt, oh wie viel wäre ich besser dran gewesen!«

   Das ist sein Humor, aber er kann auch härter, denn Mühsam beugt sich keiner Norm, weder privat noch politisch. Er lebt seine Ideale und will überzeugen, nicht sektieren, lässt von den eigenen Überzeugungen aber kein Stück ab. Die Sozialdemokraten bringt er mit seinem berühmten Lied »Der Revoluzzer« schon früh gegen sich auf, es folgen die Kommu­nisten, die Anarchisten – irgendwann steht er alleine da. Ein Sonderling. Geschätzt, gefürchtet, gemieden.

   Nach dem Ersten Weltkrieg, in den Wirren der Novemberrevolution, sieht es sechs Monate lang so aus, als wäre endlich alles möglich. Seine Reden zeigen Wirkung, sein Idealismus entflammt die Massen. Im April 1919 gründet er mit Gleichgesinnten die 1. Münchner Räterepu­blik, nur: nach sieben Tagen kracht alles zusammen. Für Mühsam ist Politik Charakterschwäche, aber seine Utopie vom herrschaftsfreien Leben ist in der Realität nicht umzusetzen. Die SPD putscht und lässt erschießen, nur Mühsam hat Glück, weil man ihn vorher wegsperrt. Als er fünf Jahre später entlassen wird und nach Berlin zieht, wirkt sein Anarchismus wie ein Anachronismus. Trotzdem macht er weiter, schreibt, gründet die Zeitschrift Fanal, hält Reden und warnt vor den Nazis. Niemand sonst wird im Völkischen Beobachter der NSDAP so oft dämonisiert wie Mühsam, den sie fürchten, weil sie ihn nicht verstehen. In der Nacht des Reichs­tagsbrandes wird er verhaftet, die Tickets für die Flucht nach Prag schon in der Tasche. 17 Monate dauert sein Martyrium. Die Nazis versuchen den Mann, der sich nie hat beugen lassen, mit unfassbarer Grausamkeit zu brechen – vergebens, wie Mitgefangene später berichten. In der Nacht zum 10. Juli 1934 wird er von SS­ Männern erschlagen. Sie hängen Erich Mühsams Leiche bei den Latrinen auf, um seinen Selbstmord vorzutäuschen.

   (In SPEX N°341 erinnert sich der Autor an »Abbie Hoffman und die Yippies«.)

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Erich Mühsam
Tagebücher
Online — www.muehsam­tagebuch.de 
Papier — Verbrecher Verlag 
(Bände 1 & 2 erhältlich, insgesamt 
18 Bände bis 2018)

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