Tindersticks »The Waiting Room« / Review

Gibt es eigentlich weibliches Crooning?

Hm. Lydia Lunch, Cat Power, Hope Sandoval, Tess Parks und andere sing-lamentieren gerne mit dunklem oder auch leicht heiserem Timbre und bilden damit in Klang, Attitüde und Wirkung ein Pendant zu Nick Cave, Hugo Race, Simon Bonney (Crime & The City Solution), Rowland S. Howard (These Immortal Souls), James Johnston (Gallon Drunk), 16 Horsepower und anderen. Das alles sind Namen, die stets um die Moll-Seite des Pop bemüht waren und neue Wege im Matsch geebnet haben. Freilich ohne Wurzeln wie den Swamp Blues, frühen Rock’n’Roll, Punkrock oder auch die Gottväter und -mütter aller voller Grandezza schlingernden Crooner wie Frank und Nancy Sinatra, Lee Hazlewood, Jane Birkin und Serge Gainsbourg oder Dean Martin zu verleugnen. Nicht dass jüngere Bands wie I Like Trains, John Grant, The National und Matt Berningers neues Projekt El Vy oder die Devastations schlechter wären. Genau diese huldigen in ihren Songs teilweise den Croonern der Vorgängergeneration.

»Die Tindersticks sind die James Bonds ihres Genres.«

Seit nunmehr 1993 zählen zu den geschüttelten und nicht gerührten Highlights die britischen Tindersticks, die genauso coole, angestaubte Anzüge wie Cave & Co. tragen, deren Songs aber immer noch eine Portion pompöser und orchestraler klingen – sie sind eben die James Bonds ihres Genres. Nach vielen Alben, Nebenprojekten und zwischenzeitlichem Stillstand in Sachen Kreativität haben Stuart A. Staples und Band in den vergangenen Jahren neben einer Auftragsarbeit zum Ersten Weltkrieg für ein belgisches Museum (Ypres) und einer Sammlung von Neueinspielungen (Across Six Leap Years) auch ein fantastisches Studioalbum aufgenommen (The Something Rain).

The Waiting Room knüpft vier Jahre später genau dort an. Wieder klingen Soul, Chanson, Blues, Filmmusik und Folk an, es wird behutsam einiges ausprobiert, dennoch bleibt die Stimmung gelassen unheilvoll. Die Tindersticks wirken noch eine Spur orchestraler (zuständig für die Arrangements war Julian Siegel), mal beinahe unpeinlich Muscial-artig, mal erinnern sie an Nick Drakes zentnerschwere Leichtigkeit. Und mit Nancy und Lee wird auch gespielt, wenn Staples erst mit der 2010 verstorbenen Musikerin Lhasa de Sela und dann Jehnny Beth von den Savages im Duett singt – womit wir wieder beim Ausgangspunkt weibliches Crooning angelangt wären. Monomedialität ist nicht das Ding der Tindersticks, weswegen sie mit einem zum Album gehörigen Filmprojekt beim renommierten französischen Kurzfilmfestival in Clermont-Ferrand und bei der Berlinale auftreten werden. »Don’t let me suffer!«, klagt Staples im Titelsong. Und leidet.

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