Timo Blunck „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“ / Album- & Buchreview

Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern von Timo Blunck

Timo Blunck, ehemaliger Bassist von Palais Schaumburg und Sänger der Zimmermänner, legt mit der Lizenz zum Loslabern in der Tasche einen anekdotischen Roman vor – und illustriert ihn mit einem eigenen Album. Aber ist das noch Postmoderne oder schon Multi-Channel-Marketing?

Eine schöne Idee, die der ehemalige Bassist der Dada-Avantgarde-Band Palais Schaumburg und Sänger der Zimmermänner Timo Blunck da umgesetzt hat: sein Romandebüt mit Musik zu illustrieren und die Kapitel in Songgestalt noch mal aus anderer Warte zu spiegeln. Ist das noch Postmoderne oder schon Multi-Channel-Marketing? Viel öfter jedenfalls sollte solch ein Gattungssprengstoff gezündet werden. Auslöser für die Aufnahme des Erzählfadens des im Ich sprechenden Protagonisten Schröder ist ein drogeninduzierter Zusammenbruch mit Nahtodqualitäten. Im Anschluss: Therapie. Die kettenrauchende Psychologin Dr. Schulz erteilt dem Rekonvaleszenten die Lizenz zum Loslabern. Heraus kommt dabei ein neopikaresker Roman, dessen Erzählzeit sich von 1968 bis ins Jetzt spannt.

Die Hauptrollen nehmen Musik, Drogen sowie ohne falsche Drastikscheu ausgemalte sexuelle Beziehungen zu Frauen (und ein paar Staffagemännern) ein. Der Held spaltet sich schizoid ins sensibel-empathische Tageslicht-Ich und eine für sämtliche Schweinigeleien – namentlich dezerebralisiertes Bumsen auf Koks – zuständige Evil-Twin-Triebinstanz mit dem bescheuerten Namen Knirpsi auf. Wie im Freud-Bilderbuch für die Kleinsten. Ein Bildungsprozess der Helden ist nicht zu erkennen. Bei ihren Geschichten handelt es sich um die Lebenserinnerungen des Autors Blunck, dessen Band hier als Villa Hammerschmidt firmiert. Sie halten allerlei Anekdotisches aus den Achtzigern bereit: mit Pete Shelley an der Pissrinne („I always wanted to know what a Buzzcock looks like“); beim Produzieren eines Brigitte-Nielsen-Songs mit einem dichten Bobby Gillespie, der komatös Schlafenden Hitler-Bärtchen anmalt; auf der nächtlichen Flucht vor den freilaufenden Vogelspinnen der Plasmatics-Sängerin Wendy O. Williams 1982 in New York; mit John Lurie beim Dance Contest im Studio 54.

die Intimbeichte eines polytoxikomanen Hypersexuellen, der der Selbstzynifizierung zu entkommen versucht.

Dazwischen wird sich gepaart. Nun ist der Porno neben der Komödie ja eines der schwierigsten Genres überhaupt. Die gattungsinhärente Crux: der Fluch der nummernrevueartigen Wiederholung mit der Folge eines tendenziellen Falls der Rezipienten-Lustrate. Dass sich der Autor bei der Schilderung von Geschlechtsteilen gern der Gemüsemetaphorik bedient – es ist viel von Gurken und Melonen die Rede –, macht die Sache nicht besser. „Derb wie Bret Easton Ellis, atemlos wie Rainald Goetz – und dabei immer mit Selbstironie und Hintersinn“, headlinet der Verlagswaschzettel im Media-Markt-Style. Doch abgesehen davon, dass hier literarisch zu hoch gegriffen wird, hat Bluncks Prosa mit dem unter kreativen Wahrnehmungszwängen leidenden Gegenwartsregistrator Goetz ebenso wenig zu tun wie mit den kokskalten gefühlsinvaliden Ellis-Figuren. Selbstironie zählt heute eh zu den default settings der Literatur, und Bluncks Hintersinn erweist sich meist als Hinternsinn. Wir lesen vielmehr die Intimbeichte eines polytoxikomanen Hypersexuellen, der der Selbstzynifizierung zu entkommen und den Gedanken der romantischen einen großen Liebe zu retten sucht.

Beim Gedanken klappt das, nur ist das über verschiedene Kontinente verfolgte Objekt am Ende abgängig. Besser als im absolut kurzweiligen, aber mindestens 100 Seiten zu langen Buch – gibt’s eigentlich noch Lektoren? – lässt sich Bluncks Autofiktion als Songsammlung goutieren: balladesk, blasiert, die Selbsterniedrigung im „Tittensumpf“ zelebrierend („Koks und Nutten“), trotzig, urban funky, sehnsuchtsvoll, mal groß-, dann wieder kleinmäulig, immer aber mit dem Lächeln des Melancholikers, der uns zu verstehen gibt: „I did it my way.“

 

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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