Tim Hecker »Lovestreams« / Review

Lovestreams ist ein Kommentar auf den Nihilismus des allgegenwärtigen Streamings. Tim Hecker setzt dabei auf einen Ambient-Sound voller Widersprüche und Zerrissenheit, Cembalo- und Staubsaugerklänge.

Egal, ob sich Tim Hecker an einem tropischen Strand oder vor den diversen Registern einer Kirchenorgel befindet oder ob er eine rote Hipsterkappe trägt: Der Musiker aus L.A. macht auf allen Fotos ein leicht gequältes, nachdenklich-nerdiges Gesicht. Seine Musik ist Ambient. Dessen statische, rhythmuslose Klangteppiche wecken oft Assoziationen einer ursprünglichen Ganzheit. Dabei kann es sich um den Kosmos handeln oder den Mutterbauch. Solche widerspruchsfreien, harmonisierenden Fantasien interessieren Hecker nicht, sein Ambient klingt zerrissen, unberechenbar, düster und melancholisch. Mit einer ins Schmerzvolle gehenden Konzentration hat der seit 2001 aktive Künstler dem Genre eine Durchschlagskraft gegeben, die diese Musik nach den Neunzigern nur noch selten entwickeln konnte.

Das abermals auf Island aufgenommene Love Streams geht von der Chormusik des 15. Jahrhunderts aus, insbesondere vom Komponisten Josquin des Prez. Der Titel könne erotisch, technologisch und spirituell verstanden werden, erklärt Hecker. Es sei ein Kommentar auf »die Allgegenwärtigkeit und den Nihilismus des Streamings von allen Formen von Leben«. Dieses technologie- und kulturkritische Interesse setzt Hecker in der Musik auf eine unmittelbare Weise um. Das Schöne, Greifbare wird vom Formlosen, Unheimlichen gebrochen.

Hecker lässt offen, ob wir Musik oder Müll hören.

In »Obsidian Counterpoint« sind das Flötentöne und eigentümliche elektronische Klänge, die mal wie ein defekter Staubsauger, mal wie die Borsten eines Besens klingen, der ausgeklopft wird. Dieses ungleiche Paar lässt Hecker vorsichtig umeinander kreisen, was klingt wie ein futuristisches Menuett. Für das aggressive »Music Of The Air« formt sich ein Stimmengewirr zu einem gespenstischen Chor. Eine unberechenbare Synthesizer-Spur gibt den Stimmen mal einen Rahmen, mal deckt sie sie mit Rauschen zu. Dann löst sich das Album auf. In »Live Leak Instrumental« gibt es keinen Anker in Gestalt eines akustischen Klangs. Die Computer-Sounds sind unter sich, der Klangraum wirkt gewaltig und ungreifbar. Am Ende taucht ein Cembalo in elektronische Unterwelten ab.

Heute wird vieles gemacht, weil es machbar ist. Dem setzt Hecker den radikalen Bruch zwischen Chaos und Struktur, zwischen Schmerz und Schönheit, zwischen Hirngespinst und Realität entgegen. Love Streams ist faszinierend, weil es Hecker gelingt, seine enorme persönliche Expertise abzustreifen, und offen zu lassen, ob wir Musik oder Müll hören.

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