Daniel-Lopatin-Doppelpack

Tim Hecker & Daniel Lopatin – Instrumental Tourist
Tim Hecker & Daniel Lopatin – Instrumental Tourist

Oneohtrix Point Never & Rene Hell Music For Reliquary House / In 1980 I Was A Blue Square
Oneohtrix Point Never & Rene Hell
Music For Reliquary House / In 1980 I Was A Blue Square
NNA Tapes — 09.2012

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Als Brian Eno vor gut zwei Jahren die LP Small Craft On A Milk Sea auf Warp Records veröffentlichen sollte, war die Spannung groß: Wie nur klingt der Ambient-Don auf dem britischen Electronica-Traditionslabel? Überraschungen gab es beim Hören der LP kaum. Der Hörer bekam Ambient Soundscapes kombiniert mit Gefrickel aufgetischt. Das Album klang somit ziemlich genau so, wie man sich Brian Eno auf Warp Records vorstellte.

   Ähnlich unüberraschend geht es auf der jüngst erschienenen Zusammenarbeit von Tim Hecker und Daniel Lopatin zu. Die beiden nordamerikanischen Sound-Künstler veröffentlichen auf dem Label Software (ein von Lopatin kuratiertes Sublabel von Mexican Summer) das erste Werk der Serie »SSTUDIO«. Der Output klingt, nun ja, also ob Hecker und Lopatin zusammen Musik gemacht hätten. Monumentale Sound-Walls (Hecker) begegnen Freejazz-artigen Improvisationsfetzen (Lopatin). Bestes Beispiel dafür ist gleich der Opener: Während der Anfang von »Uptown Psychedelica« noch nach Heckers letztem offiziellen Album Ravedeath, 1972 klingt, könnte der zweite Teil des Tracks ohne Weiteres auf einem Lopatin-Release Unterschlupf finden.

   Der Albumtitel Instrumental Tourist ist folglich irreführend. Wer auf der Suche nach Unbekanntem oder Abenteuern ist, wird enttäuscht. Nichtsdestotrotz: Die aus den Soloprojekten bekannten Sounds und Spielarten machen Instrumental Tourist auch in ihrer bloßen Aneinanderreihung zu einem bewegenden Hörerlebnis.

   Reicher an Überraschungen ist indes ein anderer aktueller Release des in Brooklyn lebenden Lopatins: Music For Reliquary House / In 1980 I Was A Blue Square – eine Split-LP, die er unter seinem Oneohtrix Point Never-Moniker mit Rene Hell teilt. Lopatin klingt hier wie zuletzt bei der Live-Umsetzung seines Albums Replica: Object trouvés aus Werbung und Film, die in höchster Kadenz wiederholt werden, treffen auf zahlreiche Störgeräusche. Eine anstrengende Angelegenheit. 

   Spannend wird es nachdem Hell übernimmt. Obwohl auch er bei »Meta Concrete«, dem ersten dessen fünf Tracks, Noises einsetzt, um die vorgetragene Piano-Melodie zu stören, mag sich das Klavierspiel durchgehend behaupten. Aber damit nicht genug! Hell spielt seine ganze Erfahrung aus, die er unter einer Vielzahl an Pseudonymen (Secret Abuse, Impregnable,…) auf einer Vielzahl an Labels (Type, Not Not Fun Records,…) mit einer Vielzahl an verschiedenen Musikarten (Drone, Neo Klassik,…) gesammelt hat. Beim Song »Qi« etwa tauscht Hell das zu Anfang benutzte Klavier mit einem Synthesizer, der es ihm erlaubt, warme Klangflächen à la Koen Holtkamp zu erzeugen.

   Schnell wird klar, dass es NNA Tapes, dem Herausgeber der Split-LP, hier nicht um musikalische Kohärenz ging, sondern um ein Konzept. Beide Künstler befassen sich nämlich auf ihre Art mit dem Thema Vergangenheit, was in einer erfrischenden Gegenüberstellung resultiert.

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Der Autor ist Mitgründer des jungen Schweizer DIY-Musik- und Gegenwarts-Magazin ZWEIKOMMASIEBEN, das am 8. Dezember seine fünfte Ausgabe herausbringt – mit Fokus u.a. auf Derrick May, Solar Bears, Deetron und Light Asylum. In Deutschland ist das Magazin bei do you read me?!, Motto (beide Berlin), MZIN (Leipzig) erhältlich.

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