Thought Gang „Thought Gang“ / Review

Cover: Thought Gang „Thought Gang“

Thought Gang, bestehend aus dem namhaften Duo David Lynch und Angelo Badalamenti, bringen ihr erstes gleichnamiges Album heraus – knapp 25 Jahre nach dessen Entstehung. Denn wie auch die Kultserie Twin Peaks ist Thought Gang Anfang der Neunziger entstanden. Und klingt doch weniger nach gespenstischen Sytnhieschwaden, als vielmehr nach psychodelischem Jazz.

Es gibt so eine Kunstspießigkeit, die sich im berühmten Bild vom Schuster, der bei seinen Leisten bleiben soll, spiegelt. Doch die vermeintliche Anmaßung, sich in verschiedenen Kunstsparten auf professionellem Niveau zu bewegen, führt bei David Lynchs Thought Gang geradewegs in einen musikalisch-cineastischen Sog. Thought Gang ist ein psychedelisches Projekt, das Lynch, nebenbei übrigens auch Maler, Anfang der Neunziger zusammen mit Angelo Badalamenti gründete. Dieser war in jenen Jahren für das harmonische Zwielicht des Soundtracks zu Lynchs Überserie Twin Peaks verantwortlich. Doch die gespenstische Dominanz vernebelter Synthieschwaden sucht man auf diesem bisher unveröffentlichten Album vergeblich. Dessen Heimat liegt nämlich klar im Jazz.

Lynchs Faible für kryptisch-psychedelische Mystik wird zum hörbaren Inhalt.

Nach einem verzerrten Cello in „Stalin Revisited“ wirft einen „Logic And Common Sense“ kopfüber in einen Jazz-Klassiker hinein. Und gleichzeitig irgendwie auch in einen Kellerclub, in dem, vermutlich hinter Rauchschwaden und rotem Samtvorhang, eine mysteriöse Band spielt. Man selbst trinkt dazu an einem kleinen runden Tisch Martini, klar.

Obwohl Thought Gang nämlich kein Soundtrack ist, schafft Lynch es, in jedem Moment eine bestimmte Atmosphäre in die Songs hineinzutragen – muss er augenscheinlich, egal welcher Kunst er sich annimmt. Der Sound ist leicht verhallt, die Instrumente sind nicht so abgemischt, dass man einen möglichst reinen, transparenten oder vorteilhaften Sound bekommt, sondern tragen allesamt die Patina des Narrativen. Lynchs Faible für kryptisch-psychedelische Mystik wird so zum hörbaren Inhalt. Das mit seinen peitschenden Becken und von Megafonen verstärkten Frauenstimmen getragene „Jack Paints It Red“ oder dem 16-minütigen Noise-Film „Frank 2000“ würde man dabei am ehesten im Horror-Schuber finden, „A Real Indication“ hingegen bei den nostalgischen Softpornos. Auf ganzer Länge ist Thought Gang ein fordernd-eklektisches Album, dem jede Verfremdung recht ist. Gleichzeitig aber auch eine Art Hörfilm, der die klanglichen Verfremdungen und seinen Willen zur Narration wie einen Kitt für seine Stilvielfalt wirken lässt. Mit anderen Worten: Fügt sich wunderbar in Lynchs Gesamtwerk.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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