Thomas Meinecke »Selbst« / Review

Thomas Meinecke © Michaela Melián / Suhrkamp Verlag

Aktuell erscheint Thomas Meineckes Sample-Roman Selbst bei Suhrkamp. Darin: Jede Menge Genderbending. Nicht enthalten: Nachnamen.

»Was muss man eigentlich als Romanfigur bei dir eigentlich geleistet haben, um mit dem Vor- und Nachnamen im Text geführt zu werden?«, fragt Romanfigur Anna-Lisa in Thomas Meineckes neuem Buch Selbst. Eine erste mögliche Antwort könnte sein: Dass man im realen Leben außerhalb des Romans existiert, also eine Person resp. ein Selbst ist wie Sonja Eismann, Nina Kraviz, Barbara Vinken, Ata Macias, Mahret Kupka. Die letzten beiden Namen verweisen auf Frankfurt als zentralen Ort des Romans: Fotoshootings in der EZB-Baustelle, die polizeiliche Stürmung des IVI (Institut für Vergleichende Irrelevanz), Ausstellungseröffnungen im Museum für Angewandte Kunst, die Poetikvorlesung Thomas Meineckes und durchtanzte Nächte im Robert Johnson (ok, das ist in Offenbach) sind konkrete Ereignisse, an denen die ProtagonistInnen teilhaben.

Der Autor als DJ als Autor

Eva, Genoveva und Venus (keine Nachnamen) leben zusammen in einer WG, diskutieren über Haute Couture und Transgender-Models wie Andreja Pejic. Theoretisch und praktisch forschen sie zum Thema Sex und Zärtlichkeit, Schwerpunkt weibliches Begehren in der Postgender-Ära. Interessanterweise handeln damit zwei prominente Suhrkamp-Herbstnovitäten vom femininen sexuellen Erleben, aber natürlich hat Selbst nichts mit Sloterdijks unsäglichem »Projekt« gemein. Meinecke montiert, mixt und remixt Originalpassagen aus Büchern von Anais Nin, Bettina von Arnim, Beatriz Preciado oder über eine deutsche Auswandererkolonie in Texas zu einem überbordenden, sich in Veränderung befindlichen Selbst, inklusive Glitches wie den in Videos deutlich sichtbaren Spuckefäden in Miley Cyrus’ Mund. Der Autor als DJ als Autor, der übrigens auch sich und seine Frau in den Text einbaut: als Thomas und Michaela.

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