Thomas Fehlmann an der Honigpumpe

Im Sommer vor dreißig Jahren ging der 20-jährige Kunststudent Thomas Fehlmann mit seiner Klasse von der Hamburger Hochschule für bildende Künste auf Bildungsreise nach Kassel. Die documenta 6 stand an; und dort stellte Joseph Beuys sein neues Kunstwerk vor. »Sein erweiterter Kunstbegriff war mir sehr wichtig« sagt Fehlmann über seine Zeit als Kunststudent. »Dennoch erschloss sich für mich auf der documenta nicht, was Beuys mit seiner Sozialen Plastik Honigpumpewollte. Doch später habe ich mich mit der Honigpumpe am Arbeitsplatzimmer wieder beschäftigt« erklärt der Mann mit dem frischgewachsenen Schnäuzer den Titel seines neuen Albums, das ebenfalls »Honigpumpe« heißt und soeben auf Kompakt erschienen ist. Im Sommer vor dreißig Jahren, da stand die BRD kurz vor der Flugzeug-Entführung von Mogadischu, vor der Schleyer-Ermordung und den Selbstmorden von Stammheim, und ein Grauschleier sollte sich über das Land legen. Fassbinder und seine Ko-Regisseure sollten der Stimmung wenig später mit ihrem Film »Deutschland im Herbst« einen Namen geben.

    Mit der »Honigpumpe am Arbeitsplatz« hatte Beuys eine Versinnbildlichung seiner Theorie der »Sozialen Skulptur« geschaffen. Durch ein Schlauchsystem wurden als Allegorie sowohl des menschlichen Blutkreislaufs als auch der Gesellschaft als sozialem Organismus 150 Liter Honig durch die Räume des Kasseler Museum Fridericianum gepumpt. Als Gewalt-Gegner, Radikal-Demokrat und Universalgelehrter beinah renaissance-haften Ausmasses lehnte Beuys die Aktionen der RAF nicht nur ab, er hielt Baader und Meinhof gar explizit für »fehlgeleitet«. Nicht die Bomben der RAF prägten also nachhaltig das Schaffen des von Beuys beeindruckten Fehlmanns, sondern die Vorstellung einer Kunst, der die Ideale der französischen Revolution zugrunde liegen und die sich bewusst machen sollte, die Gesellschaft mit zu formen. Den Ocean Club, jenen Kraken der elektronischen Musik mit den Tentakeln Radio, Labeltreffen (Marke B) und CD-Compilation, in dem Fehlmann  mit von der Partie ist, sieht er als als »Soziale Plastik« ganz nach Beuysscher Tradition. »Es geht darum, eine Stimmung, ein Leuchten in den Augen zu erzeugen. Und das Feedback darauf ist ganz genauso wichtig. In Hinblick auf meine Musik zum Beispiel: das Powerbook ist meine Pumpe, und statt Honig pumpt es die Lebensessenz Musik in die Welt hinein.«

    Nach seiner Zeit Anfang der 80er Jahre als Keyboarder bei Palais Schaumburg, seinem Dasein als transkontinentalem Techno-Botschafter und Architekt der Achse Detroit-Berlin entwarf sich Thomas Fehlmann im Laufe der Neunziger Jahre noch einmal neu, und heraus kam der Produzent und Laptop-Live-Act. Schon auf dem Solo-Debüt »Visions Of Blah« auf Kompakt vor fünf Jahren spielte Fehlmann einen nebelverhangenen, mit Rauschen und weiteren Störgeräuschen angereicherten Techno für die Träumenden. Auch auf »Honigpumpe« spannt sich wieder ein Regenbogen aus lupenreinem Ambient, Geräusche-Trance und süßen Moll-Chords, und lässt das verwunschene Land namens Melo-Techno ganz schön und ganz bunt strahlen. »Ich wollte mich sehr der Musik hingeben« sagt der Künstler. Die Hingabe klingt durch, alles wirkt so… innig. Dabei ist es bezeichnend, wenn Fehlmann bei einer Frage nach seiner Produktionsweise letztlich beim Grundgefühl des Albums landet. Es sei schließlich nicht die Technik, die ihn vorantreibe. Sondern? Schönheit? »Das war zwar nicht immer so, doch im Moment Schönheit, ja. Ich mache keinen cleanen Sound, und Zucker auf Zucker stapele ich auch nicht. Für mich besteht Schönheit immer im Verhältnis zu Etwas. Das Süße, Satte, Volle ist mit dem Honigthema ja schon benannt. Dazu kommen die Gegensätze: der Sound ist sehr minor, und dann mag ich auch diese Harmonie-Wechsel, die zum Schenkelklopfen komisch sind. Auch darin kann Schönheit bestehen.«

    Zum Coup wird »Honigpumpe« schließlich, indem Fehlmann sich mit der Benennung seiner Tracks als superber Lyriker erweist. »Strahlensatz«, »Soziale Wärme« oder »100 Bäume« treffen irre die Stimmungen der Stücke und haben auch die Arbeit der Grafikerin Bianca Strauch mit angetriggert. Sie hat für »Honigpumpe« das komplette Artwork für CD und LP in wochenlanger Arbeit gestaltet – nicht einfach an den Rechnern, sondern in vielen Schritten in einem Wechselspiel aus digital und analog, aus Software und echtem Honig. »Was mir Bianca da hingestellt hat, das hat mir sogar in meiner letzten Phase beim Abmischen noch einmal geholfen. Sie hat meine gesamte Idee großartig getroffen.« Damit ist Fehlmanns Idee von Schönheit also doppelt verdichtet, lyrisch und visuell.

Das neue Thomas Fehlmann-Album »Honigpumpe« (Kompakt/ Indigo) ist soeben erschienen. Mehr über die Arbeit von Bianca Strauch gibt es demnächst auf spex.de.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.