Thom Yorke Tomorrow’s Modern Boxes

Rückzugs-Techno und Bewegungsverweigerung: Das zweite Soloalbum von Radiohead-Frontmann Thom Yorke entfernt den Menschen.

Das Verbrechen von Radiohead war, den Mittelsmann zu übergehen. Erst mit In Rainbows, für das jeder zahlen konnte, was er wollte. Dann noch mal mit The King Of Limbs, für dessen Zeitungspapierspezialversion, die momentan in tausenden Expedit-Regalen vor sich hin verrottet, man direkt an die Band zahlte. Nun tut es Thom Yorke schon wieder: Nachdem er seine bisherigen Solo- und Seitenprojekte noch über die Kanäle der traditionellen Tonträgerindustrie veröffentlicht hatte, erscheint Tomorrow’s Modern Boxes als Dateibündel, das man für den Preis einer Dreiviertelzigarettenschachtel mit dem Filesharing-Protokoll BitTorrent, bisher eher genutzt für die auch wichtige Verbreitung von HBO-Serien und Pornofilmen, herunterladen kann.

Ehrlich, Leute: gähn. Das Uninteressanteste an Thom Yorke ist seine latente Industriefeindlichkeit, der eigentliche Skandal an Tomorrow’s Modern Boxes ist etwas ganz anderes. Yorke will nicht den Mittelsmann loswerden, sondern den Menschen an sich. Er betreibt hier eine Rückzugsmusik, in der selbst die ersten Elektro-Anfreundungen des Radiohead-Albums Kid A nur noch als Erinnerung zu erkennen sind. Falls es Gitarren geben sollte auf Tomorrow’s Modern Boxes, klingen sie nicht wie Gitarren. Das einzige herkömmliche Instrument scheint ein spärlich eingesetztes Klavier zu sein, das sich anhört, als stünde es halb im Wasser. Radiohead-Bassist Colin Greenwood hat den Beat von »Guess Again!« beigesteuert, Nigel Godrich natürlich bei der Produktion und Stanley Donwood beim Artwork geholfen. Alle anderen können zu Hause bleiben.

Nun ist Tomorrow’s Modern Boxes aber nicht bloß der nächste Schritt in einer Abwendung von der Rockmusik, die ohnehin längst vollzogen ist. Das Album korrigiert vielmehr den Kurs von Yorkes erster Soloplatte The Eraser (2006) und Radioheads bisher letzter Bandplatte The King Of Limbs (2011), die sich immer angefühlt hatten wie zwei Schwestern aus derselben deprimierten Familie. Das Haus steht leer auf Tomorrow’s Modern Boxes, die Geräusche kreisen in völliger Selbstvergessenheit umeinander, Melodien rutschen scheinbar zufällig dazwischen. Ein Chemiker würde den Gesang vielleicht als gasförmig bezeichnen.

Ursprünglich hatte Yorke über die Elektronik zur Körperlichkeit gefunden. Niemand wird je vergessen, wie er bei Rock am Ring 2001 vor 60.000 Guns-N‘-Roses-Fans über die Bühne hampelte, während Radiohead »Idioteque« und »Everything In Its Right Place« zerlegten. Auch das Tanzvideo mit Hut, das zu »Lotus Flower« gedreht wurde, hat man in schöner Erinnerung behalten. Mit Gitarre vor dem Bauch hatte Yorke nie so befreit gewirkt. Tomorrow’s Modern Boxes ist aber auch ohne Gitarren eine Art Techno in Bewegungsverweigerung. Es hat keinen Körper, es schwebt einfach durch den Raum.

Die ersten Reaktionen darauf sind eher verhalten ausgefallen. Das Album wirke beiläufig, hieß es, es sei zu kurz, es gäbe nichts zum Festhalten. Jemand schrieb sogar, man werde sich nicht dabei ertappen, eines der Stücke mitzusummen. »Ja geil«, möchte man entgegnen, »gut so!« Und abgesehen davon: Besonders im zweiten Teil von Tomorrow’s Modern Boxes, der aus drei ineinanderfließenden Tracks besteht, stellen sich Verselbstständigungseffekte ein, die dem Sinn der Sache näher zu kommen scheinen als ein neuer Hit oder wenigstens ein neues »Idioteque«.

Was wir Yorke angetan haben, geht auch aus den Texten nicht hervor, die er etwas baukastenmäßig aus abgearbeiteten Themenbereichen zusammengesetzt hat. Dass er einfach seine Ruhe haben will, macht sein bisher unmenschlichstes Album aber fast schon wieder menschlich.

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