Theo Parrish American Intelligence / Review

Große, endlose Erzählung: Auf Theo Parrishs American Intelligence weisen 15 übertrieben lange Stücke über sich selbst hinaus.

Der entscheidende Moment kommt nach 51 Minuten, 9 Sekunden. Da ist man noch nicht mal zur Hälfte durch mit diesem Brocken von einem Album, und man hört: nichts. Spürt nur die Präsenz einer Frage, die noch offen in der Luft hängt. Was er an Detroit denn gut finde, will ein Vater von seinem Sohn wissen. Als keine Antwort kommt, lacht der Mann herzlich auf. »I’m still figuring it out«, sagt die Kinderstimme endlich, »I don’t know yet.« Der Vater lacht noch einmal und sagt dann nur, langgezogen und vieldeutig: »Yeah.« Als könne man niemals wissen, was man gut finden soll an Detroit, an Amerika.

Theo Parrish ist in Chicago aufgewachsen, seit einiger Zeit lebt er in London. Trotzdem ist er heute wie kaum ein anderer Produzent elektronischer Musik mit Detroit verbunden. Während Kollege Moodymann in Anlehnung an Prince den »Freeki Mutha F_cker« gibt, ist Parrish der Philosoph und Freidenker mit Kunsthochschuldiplom. Das Programm, mit dem er sich seit mittlerweile 20 Jahren an House abarbeitet, lautet: entrümpeln, verdichten und vor allem wiederholen. Die 15 Stücke von American Intelligence kommen in der 2-CD-Version auf eine Spielzeit von über zwei Stunden. Nicht immer wird man mit atemberaubenden Aussichtspunkten in der Track-Architektur belohnt, wenn man über die gesamte Distanz mitgeht. Mit ihrer übertriebenen Länge weisen die Stücke über sich selbst hinaus, auf ihre sozialen Kontexte von (banal) Dancefloor bis (spirituell) Trance. Und der Titel des Albums verweist auf eine große, endlose Erzählung.

Im ersten Drittel gibt es eine weitere markante Szene. Zum Auf und Ab einer dissonanten Tonleiter hört man einen Dialog zwischen einem eben erst in Detroit angekommenen Autofahrer mit Heißhunger auf amerikanische Spezialitäten und einem Polizisten, der ihn vom Essen abhält, weil er das Fahrzeug nach Dingen durchsuchen will, die »dort nicht hingehören«. Parrishs Musik scheint seit jeher von Dingen zu leben, die dort eigentlich nicht hingehören und auf den ersten Blick fremd wirken, absurd, störrisch. Er arbeitet mit verschleppten Tempi, überkomplexen Rhythmen, dreht am Ende ganze Tracks langsamer und um ein paar Halbtöne tiefer. Der Musik schadet das nicht, im Gegenteil. Es wirkt, als würden dadurch immer wieder Fragen in die Luft gehängt.

In welcher Absicht Theo Parrish sich selbst als Symbol und Konterfei einer American Intelligence präsentiert – karikierend, bejahend, aneignend? –, bleibt in der Schwebe, so wie das vieldeutige »Yeah« in der Mitte des Albums. Und genau da beginnt diese Musik erst so richtig zu schillern: in ihrer Offenheit.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here