The World/Inferno Friendship Society

Eigentlich, auf einen oberflächlichen ersten Blick, hätten sie vieles, was einen nicht nur Gutes erwarten lassen könnte: Von einer Mischung aus Soul und Klezmer und Vaudeville lesen wir, von Broadwaymusik, Kurt-Weill-Bert-Brecht-Songs und BigBand-Sound, von »The Clash und Dexy’s Midnight Runners, Louis Armstrong und Gun Club, Fats Domino und The Pogues«. Und von »versierten Musikern«, die all das in wechselnder Anzahl/Besetzung zum Vortrag bringen. Und, tja, so ist es.
    Mag diese Band auch das total schräge Paradiesvogel-Projekt von gelangweilten Konservatoriumsabsolventen oder prekär beschäftigten Proletariern des Studio- und Tournee-Betriebs sein: Was (W/IFS) rettet, ist, dass sie ihren Zirkus-Soul-BigBand-Eklektizismus mit der Attitüde von (ehemaligen) Hausbesetzern geben. Dass sie eben auch befreundet sind mit Nürnbergs Robocop Kraus und demnächst zum wiederholten Mal auf den Bühnen deutscher autonomer Kulturschuppen und unbeirrt radikaler Jugendzentren stehen werden – in zweistelliger Mannschaftsstärke, in Gangster-Anzügen und mit artistischen Einlagen. »Only Anarchists Are Pretty« haben sie ein Stück genannt, »Let’s Steal Everything« heißt ein anderes. Die Handelnden einer Lied (»Your Younger Man«) gewordenen »Amour fou« treffen sich zum ersten Mal »downtown where none of us will be able to afford to live again«, und dazu hupen blecherne Instrumente, deren Mauern von Jericho die mit Stadionkonzertplakaten beklebten Bauzäune der innerstädtischen Veredelung sind.
    Wen der theatralische Gestus und die großdramatischen Momenten von W/IFS an (politisches) Kabarett und / oder laszives Cabaret der 1920er erinnern, dem sei gesagt: Nicht zuletzt waren das Jahre des Vorkriegs, einer inneren Zerrüttung. Vielleicht nicht nur aus Sicht derer, die sich vor längerem einmal mit irgendeinem »alten Europa« identifiziert wieder fanden, sagen wir: europäischer Liberaler also, erinnert eine Band / ein Kollektiv / etwas wie World Inferno Friendship Society wohl nicht zuletzt an den eigenen amerikanischen Traum: ans Funktionieren des Modells »New York«, an kreatives Chaos und einen gesunden, selbstbewussten (Links-)Liberalismus. Es dürfte noch dauern, bis die richtigen falschen Leute – bildlich gesprochen – tot und begraben und ihre Ideen verworfen sind. W/IFS studieren trotzdem schon mal den Sound ein für den Tag des Begräbnisses. Und fürs Aufs-Grab-Pinkeln danach. So viel Pathos muss sein.

LABEL: The Company With The Golden Arm

VERTRIEB: Import

VÖ: 28.06.2006

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