The Wolf of Wall Street

Kann man einen Film über die Börse drehen, ohne sich für die Börse zu interessieren? Martin Scorsese versucht's zumindest mal mit dem hysterischen The Wolf Of Wall Street.

Jordan Belfort hat hunderte Millionen von Dollar verdient, ihm kann also egal sein, wo der eine oder andere Riese davon landet. Belfort wirft das Geld in Mülleimer und auf FBI-Agenten, er investiert es in Hubschrauber, Autos, Yachten, Golfplätze, Marschkapellen und kleinwüchsige Stuntmen, die er wie Dartpfeile auf eine Zielscheibe wirft (»Sie sind auch genauso kopflastig.«). Außerdem kauft er sich einen Schimpanse und für diesen ein schönes Hemd. Den Rest der Portokasse verprasst Belfort mit Koks, Tabletten, Schnaps und Nutten.

In Martin Scorseses The Wolf Of Wall Street ist allerdings nicht nur egal, wohin das Geld fließt. Ebenso unerheblich ist die Frage, woher es kommt. Der Film erzählt Belforts Geschichte als Gründer und Vorsitzender der Maklerfirma Stratton Oakmont, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren zahlreiche Unternehmen unter dubiosen Bedingungen an die Börse bringt – und sich dabei um Kopf und Kragen verdient. Immer wenn Belfort, der von Leonardo DiCaprio gespielt wird und den Film im launigen Ton einer Kneipenunterhaltung erzählt, dazu ausholt, die Details hinter seinen hoaxes offenzulegen, muss er über sich selbst lachen und bricht ab. Ist schließlich total egal und ganz langweilig. Lieber noch ein paar Pillen einschmeißen.

The Wolf Of Wall Street gleicht deshalb einer Nacherzählung des längsten Junggesellenabschieds aller Zeiten. Der Film steht The Hangover näher als Wall Street: Wer sich Kritik an gewissenlosen Geldhaien und den Mechanismen des Aktiengeschäfts gewünscht hatte, wird ebenso enttäuscht wie Zuschauer, die auf die Anregung größerer Systemfragen vorbereitet waren. Scorsese dokumentiert lediglich. Er stellt Belforts Eskapaden in einem dreistündigen Film hintereinander, dessen Dramaturgie seltsam flach und unausgeglichen bleibt. Am Anfang wirkt The Wolf Of Wall Street gehetzt, gegen Ende wird er langatmig. 

Die klassische Aufstiegs-und-Fall-Geschichte, die dabei herauskommt, bleibt austauschbar. Scorsese hat sie schon oft und besser erzählt. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Film scheitert. Es ist Scorseses Lustigster seit vielen Jahren, außerdem einer seiner Lustvollsten. Allein, wie er sich im Biedermann-Look der Spätachtziger-Wall-Street vergräbt, ist sehenswert: Neben DiCaprio stellt The Wolf Of Wall Street eine spektakuläre Sammlung von teigig-toupierten Puderquasten, die als gescheiterte Pot-Dealer und Do-it-Yourself-Broker in Kassengestell und Katastrophen-Anzug ihren Kunden das Geld aus der Tasche ziehen.

Belfort verhilft diesen Männern (wie immer bei Scorsese geht es fast ausschließlich um Männer) zu einer Art sexueller Befreiung. Sie alle adaptieren seinen Lifestyle und entwickeln dabei den Prototyp einer fehlgeleiteten Männerfreundschaft, die sich vor allem über Exzess und Schwanzvergleiche definiert. In der Darstellung dieser Würstchen, die Belfort blind bis in den Untergang folgen, ist The Wolf Of Wall Street am stärksten. Belforts Büroansprachen, womöglich angelehnt an Tom Cruises Sexguru-Auftritt in Magnolia, sind gleichzeitig überhöht ins Absurde und vollkommen glaubhaft. Man merkt, dass diese Bande tatsächlich Vertrauen hat in ihre Religion des Geldes. Niemand entwickelt ein Schuld- oder Unrechtsbewusstsein, niemand steht am Ende geläutert da.

Das gilt auch und vor allem für Belfort, der von DiCaprio an allen Method-Acting-Klischees vorbei gespielt wird. Statt sich an exakter Reproduktion zu versuchen und das Aussehen und die Manierismen der historischen Vorlage zu übernehmen, erlaubt sich DiCaprio Freiheiten und Übersteigerungen in seiner Interpretation des skrupellosen Betrügers und Lebemannes. Sein boshafter Spaß an der Rolle ist unübersehbar. Er gipfelt in einer überragenden Drogenrausch-Szene, die ihn befreit von seinen Waffen und Bürden (Charme, Eloquenz, gutes Aussehen, Milchgesicht) als krabbelndes, sabberndes Baby zeigt.

Der Film läuft heute in Deutschland an, ebenso wie A Touch of Sin.

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