The Vines / The Datsuns

In dem Moment, in dem ich endlich Nirvanas »Bleach« im Internet zum Verkauf anbieten möchte, kommt diese Platte daher: »Melodia« von The Vines. Diese Rockband aus Australien, Gründung im Jahr 1997, nur noch die Hälfte der Urbesetzung an Bord, galt schon immer als kommerzieller Nirvana-Verschnitt, und so einfach lässt sich dieser Verdacht auch mit ihrer vierten Platte nicht ausräumen. Stücke wie »Braindead«, mit einem dermaßen verzerrten Geschrei, der eben genau nach »Territorial Pissings« klingt, oder »Merrygoround«, das die poppige Seite der großen Grungeband aus Seattle nachahmt, um im rechtzeitigen Moment in schnellen Wahnsinn zu kippen – das ist Grunge, wie er im Buche steht, Grunge wie bei den Großen, gut kopiert, aber längst nicht erreicht. Oder doch?

    Was »Melodia« nämlich andererseits ausmacht, ist Ausgewogenheit. Die Mischung aus Laut/Leise, Ballade/Klopper und Gekreisch/Gesang (wobei Craig Nicholls den Cobainschen Ausdruck natürlich nie wirklich erreicht, die Wut ist eben nur eine kopierte) ist perfekt aufeinander abgestimmt. So vergehen die 32 Minuten Spielzeit wie im Fluge – man wippt mit, man kann prima dazu Hausarbeiten erledigen oder die Nachbarn mit Gepolter ärgern. Insgesamt eine runde Sache, die Platte, die entsprechend wohlfeil arrangiert und produziert ist. Und Grunge, hier von Dreck und Schlacke befreit, geht als zeitlose Rockmusik durch. Die Teenies könnten es lieben.

The Datsuns - Headstunts    Ein etwas anderer Fall sind The Datsuns aus Cambridge in Neuseeland. Die spielen seit mehr als zehn Jahren in einer schön mülligen Garage, die man Trash Rock mit Punkelementen nennen kann oder einfach neuer Downunder-Rock mit zeitweiliger Behelfsorgel. Sie sind die Hives der Südhalbkugel, scheuen nicht vor Großnudelsoli zurück (»Yeah, Yeah, Just Another Mistake« und »So Long«) und wissen auch ansonsten genau, was sich in anderen Garagen so tut. Und sie wissen, was man als Rockband machen muss, um allen zu zeigen, dass man mit Abstand die größte Garage hat. Ob mit Auto oder nicht: Die Datsuns wollen es schnell und sofort. Direkt und laut. Lediglich in »Eye Of The Needle« und im Schlussstück »Somebody Better« werden neue Langsamkeiten wie alte, weiche Drogen probiert und ›Yeah‹ zu Progrockelementen gesagt.

    Das dröhnt dann schön und zieht sich lang wie Kaugummi. Der Unterschied zu den juvenileren Vines ist natürlich der, dass bei den Datsuns die Vorbilder nicht so deutlich in Erscheinung treten. Auf »Headstunts« klingt es in manchen Momenten wie die Hives, wie gesagt, in anderen nach einer guten Konkurrenz zu den White Stripes, und im nächsten Moment wirft man die Referenzen aus der zweiten Generation wieder raus und verlässt sich auf die schon in den siebziger Jahren entwickelten Muster. Ergebnis: 41 Minuten ordentlicher Wahnsinn.

LABEL: Cooking Vinyl

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 17.10.2008

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