Jagwa Music Bongo Hotheads & The Very Best MTMTMK

The Very Best <em>MTMTMK</em> Moshi Moshi / Cooperative Music
The Very Best MTMTMK Moshi Moshi / Cooperative Music / Universal — 20.07.2012

Jagwa Music <em>Bongo Hotheads</em> Crammed Discs / Indigo
Jagwa Music Bongo Hotheads Crammed Discs / Indigo — 08.06.2012

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Der Begriff Weltmusik für alle Musik nicht-westlichen Ursprungs hat seit seiner Entstehung in den 80er-Jahren Kritik auf sich gezogen, da ihm das Nicht-Westlich-Sein als Kategorie genügt. Gleichzeitig reduzierte man Weltmusik in – westlichen! – stilbewussten Kreisen gern auf kitschigen Hybrid-Weltpop beziehungsweise auf Musik für Pluderbehoste, Dreadbelockte und esoterischem Wirrwarr Zugeneigte. Heute scheint sich endlich die Einschätzung durchzusetzen, dass ja wohl sämtliche Musik der Erde irgendwie Weltmusik und die Kategorisierung somit unnütz sei – allerdings in einer Zeit, in der dank Internet und billiger – westlicher! – Musikproduktionssoftware nicht-westliche Popmusik unterschiedlichster Herkunft oft immer westlicher klingt.

   Ein Beispiel für diese Annäherung sind The Very Best: In London vom französisch-schwedischen Produzentenduo Etienne Tron und Johan Karlberg mit dem malawischen Sänger Esau Mwamwaya gegründet, reüssierte die um die Westlondoner Afro-Pop-Clubnacht Secousse entstandene Gruppe bald mit ins Internet gestellten Mixtapes und ihrem Debütalbum Warm Heart Of Africa. Auf Letzterem sang Mwamwaya in einem Hybrid aus Englisch und Chichewa, Malawis offizieller Landessprache. Die Begleitung bestand aus gesampelten Klassikern des modernen Popkanons, auf denen wiederum oft verschiedenste afrikanische Musik gesampelt worden war – ein hübsches, cleveres Dokument zeitgenössischer Popkultur. Für MTMTMK begaben sich The Very Best, mittlerweile zum Duo Karlberg-Mwamwaya geschrumpft, mit Gastvokalisten wie Amadou & Mariam, Baaba Maal und K’naan in Mwamwayas Heimatort Lilongwe – und kamen erstaunlicherweise mit einem Album zurück, das sich wie ein Standardwerk westlich-esoterischer Blockbuster-Clubmusik jener Art anhört, die in den 90er-Jahren von Gruppen wie Leftfield erzeugt wurde. Und zu der mancher tatsächlich Pluderbehoste im Festivalmatsch seine Dreadlockmähne schüttelte. Mwamwayas Stimme tritt dabei beinahe in den Hintergrund. Zwar gerät etwa das Stück »Rumbae«, auf dem der Südlondoner Jungrapper MNEK durch Autotune-lastigen Gesang beeindruckt, zu passablem R’n’B-Pop, doch führen Lieder wie die Single »We Ok« das Album gefährlich nah ans Kitschige, Allerweltshafte.

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Gut tausend Kilometer nördlich von Lilongwe, in der tansanischen Hauptstadt Dar-es-Salaam, wirkt die momentan achtköpfige Gruppe Jagwa Music, deren Album Bongo Hotheads soeben erschienen ist. Seit 20 Jahren spielt die häufig wechselnde Besetzung auf traditionellen und selbstgemachten Perkussioninstrumenten sowie auf alten Casio-Kinderkeyboards eine Musik namens Mchiriku. Dabei werden lokale Chakacha-Tanz-Rhythmen in hoher Geschwindigkeit gespielt und von verzerrten elektronischen Akkorden begleitet, während die Sänger vom täglichen Überlebenskampf in den Suburbs von Dar-es-Salaam erzählen. In ihrer Heimatstadt gelten Jagwa Music Tausenden als Identifikationsfiguren, ihre Texte finden sich an zahlreichen Hauswänden. Vor Ort live aufgenommen und in einem Brüsseler Studio gemischt, transzendiert diese energische und anrührende Musik zwar für den westlichen Pophörer – sofern er diese Bezeichnung noch verdient – die Swahili-Sprachbarriere. Doch behält sie, obwohl ihrerseits ein Hybrid verschiedener Klänge und Stile, dabei etwas zunehmend Seltenes: ihre lokale Identität. (Ab Freitag sind Jagwa Music auf Tour – Termine am Ende.)

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Video — Jagwa Music »Mpango Mzima (live at Roskilde)«


Video — Jagwa Music »Live in the Streets of Dar«

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Jagwa Music live
26.10. Berlin — Ritter Butzke mit Schneider TM feat. Tomoko Nakasoto & Mek Obaam
27.10. Herzogenaurach — Kulturtage
30.10. Düsseldorf — Kit Café
01.11. Frankfurt — Brotfabrik
08.11. Lausanne — Le Bourg

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