The Tribe – Feature zum Kinostart

Expressiv, wortlos und total: Der ukrainische Film The Tribe startet morgen in den deutschen Kinos.

Arme und Hände schwingen, tanzen, fuchteln, schneiden durch die Luft. Körper biegen sich, marschieren in Kolonnen, formieren sich in Rudeln. Fäuste schlagen auf Körper und Köpfe, Beine treten, Körper stoßen aufeinander und verknoten sich beim Sex. Die Gebärdensprache, mit der im ukrainischen Film The Tribe durchweg und ohne Untertitelung kommuniziert wird, ist eine Ganzkörpersprache. Expressiv und total. Ohne die Dialoge im Detail verstehen zu können, scheinen sich die wortlosen Sprechakte im Wesentlichen auf Befehle, Zurechtweisungen und Anschuldigungen zu beschränken. Dennoch ist es faszinierend, den sich unaufhörlich gebärdenden Körpern in Myroslav Slaboshpytskiys Langfilmdebüt zu folgen, ihrem überaus physischen Tanz zuzusehen, der sich durch die brillant komponierten Plansequenzen zu einer fortlaufenden Choreografie aus heftigen Bewegungen verdichtet.

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Hinter dem rohen Tanz aber liegt ein vorhersehbares sozialrealistisches Elendsdrama – mit all seinen problematischen Exploitismen (wer muss schon eine Abtreibung in einem ranzigen Badezimmer sehen?). The Tribe erzählt vom Teenager Sergey, der auf ein Internat für Gehörlose kommt. In diesem hermetischen System, das mit der Welt der Hörenden nie konfrontiert wird, platziert Slaboshpytskiy das wiederum hermetische Mikrosystem einer hierarchisch organisierten Gang, deren gewaltsames Treiben Raubüberfälle und Prostitution einschließt. Sergey wird getestet, steigt zum Zuhälter auf und verliert seinen Status, als er sich in das Mädchen des Rudelführers verliebt. Das geht finster aus.

Interessanterweise tritt das, was sich Erzähloberfläche nennt, also der Elendsplot, hinter die Schauseite der Gebärden; die Mimik rückt durch den Verzicht auf Close-ups in den Hintergrund. Es ist allerdings schier unmöglich, The Tribe nur als »Gebärden- und Bewegungsfilm« zu sehen. Slaboshpytskiy verschaltet die sprechenden Körper mit dem Instinkthaften und Naturhaften – und mit der Gewalt. Und dieser Essentialismus ist ziemlich abgeschmackt.

Dieses und viele weitere Filmfeatures sind in der Printausgabe SPEX N° 364 erschienen. Zur versandkostenfreien Heftbestellung geht es hier.

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