The Singing Detective

Sie ist die größte jamaikanische Sensation seit Lady Saw: Beherrscherin der Styles, politisch aufgeladene Songwriterin, touched by the hand of God. Wobei Gott hier im weltlichen Sinne gemeint ist: Ihre Riddims stammen von Phred, einem der großen Electro-Eklektiker dieser Tage.

Terry Lynn
Terry Lynn will vom Ort des Geschehens berichterstatten. »Black CNN« nannten Public Enemy dieses Vorgehen einst. Im besten Falle ist diese Musik radikal aufklärerisch und in ihrer kritisch-affirmativen Sichtbarmachung des Bösen heilend.

(Foto: © Afflicted Yard / SPEX)

Als Frau in der jamaikanischen Dancehall-Industrie Karriere zu machen, das war noch nie einfach. Ohne Beziehungen und inhaltliche Herabstufung auf Sex läuft es selten. Doch Terry Lynn, eine der innovativsten Vokalistinnen aus Kingston, wollte sich den Regeln und Rollenmodellen nicht unterwerfen: »In der Dancehall-Industrie denken alle nur in klaren Kategorien«, erklärt sie. »Die Macht gehört den Produzenten, und die sind meist bei Plattenfirmen unter Vertrag, die die ewig gleichen Konventionen wiederholt sehen wollen. Die Produzenten lassen im Studio dann zehn verschiedene Leute über den gleichen Beat stylen. Darauf habe ich keine Lust. Bei mir gilt: Artist first, then the riddim.«

    Und Riddim ist bei Terry Lynn nicht gleich Riddim. Ihr Hausproduzent Phred alias Russell Hergert, der nicht in den Kingstoner Blocks lebt, sondern zwischen Toronto und Zürich pendelt, hat jedem der zwölf Tracks ihres Debütalbums »Kingstonlogic 2.0« gegeben, was er braucht: Grime-Outfit oder Disco- Ragga, Upbeat-Electro oder Neo-Roots-Pop – alles so stilsicher wie genreüberschreitend, und sonisch mit beeindruckendem Volumen dahingestellt, was heißt: fette Beats. Mit so etwas muss ein Vokalist erst einmal klarkommen, ohne wie ein reiner Trackbegleiter zu wirken. Doch Lynn hat jeden Beat fest im Griff, sie battlet und leidet, wechselt von Hardcore-Patois zu Jamaican Soul im Midtempo. Sängerin und MC in einer Person, und das auf diesem Niveau, das gibt es selten. In den Staaten war diese Position bislang nur zwei Frauen vergönnt: dem affirmativ postidentitären Cyborg Missy Elliott und Lauryn Hill, der Personifizierung der neokonservativen Black-Community-Consciousness mit viel Jesus.

    Anders Terry Lynn: »Jeder meiner Songs hat Charakter, jeder ein eigenes Thema, jeder einen Vibe. Logisch, dass sich da auch meine Styles ändern.« Mit dieser Haltung reiht sie sich ein in jene derzeit beachtliche musikalische Zeitgenossenschaft, die sich als »Black Hybrid Conscious Women Music« bezeichnen ließe. M.I.A. und Santogold gehören zu diesem Gefüge. Ebenso Yo Majesty und Lady Sovereign, zwei proletarische Positionen, erstere afroamerikanisch, letztere britisch. Neben diesen Beispielen wirkt Terry Lynn wie die Stimme eines unterdrückten Kontinents, der sich die westlichen Hybrid-Musiken wieder aneignet, um jamaikanischen Sound zu internationalisieren. Dazu bietet sie, wie ihre Kolleginnen, Repräsentationen und Identifikationen an, die den manchmal auffällig ›weißen‹ Popfeminismus mit Fragen zu ›Race‹, ›Class‹ und ›Migration‹ konfrontieren. (Wie bezeichnend, dass Grace Jones ihr Comeback ausgerechnet jetzt und somit zu einer Zeit startet, in der Madonna mit »Hard Candy« an einer Aneignung von ›Black Music‹ kläglich scheitert.)

Achtung: das Video zu »System« ist nicht zwangsläufig ›safe for work‹, noch ist es zart beseiteten Gemütern zur Ansicht empfohlen. Lesenswert: Die Synopsis des Rickards-Brothers-produzierten Musikvideo.

VIDEO: Terry Lynn – System
Regie: The Rickards Brothers

    Auch wenn die meisten Leute in die Dancehall gehen, um ihre Alltagsprobleme zu vergessen, Terry Lynn verfolgt das Gegenteil: »I want dis ting as real as real, understand?«, sagt sie. Auf lyrischer Ebene bedeutet das: neorealistische Sozialkritikflashs und Ghetto mit Knarren und Messern, aber ohne Bitches und Bling. Im Internet findet man nicht nur ihr Video zum dramatischen Sufferah-Banger »System«, das in einem Schlachthaus gedreht wurde und Kingston als sadistische Animal Factory metaphorisiert. In einem Teaser zum Electro-Track »Kingstonlogic« sieht man sie auch mit fetten Schusswaffen hantieren. »Das ist ein satirisches Bild, das die zynische Wirklichkeit unseres Landes widerspiegelt«, sagt sie. »Jeder, der das Video sieht, wird mit der Frage konfrontiert, was diese Knarre eigentlich in meiner Hand soll. Diese Waffe regiert die Straßen von Kingston. Es ist diese Waffe, die Kinder in Vampire verwandelt. Wo kommen diese ganzen Waffen her, die Kinder zu Kriminellen machen – oder als Leichen zurücklassen? Das ist kein rein jamaikanisches Problem. Kinder, die Kriegsarbeit leisten, die Waffen produzieren oder selber schießen, gibt es in vielen Ländern mit Kolonialgeschichte.«

    Deswegen will Terry Lynn vom Ort des Geschehens berichterstatten. »Black CNN« nannten Public Enemy dieses Vorgehen einst. Im besten Falle ist diese Musik radikal aufklärerisch und in ihrer kritisch-affirmativen Sichtbarmachung des Bösen heilend. »Musik wurde erfunden, um zu erziehen«, meint Lynn. »Bob Marley hat es geschafft, die Probleme wegzutanzen. Es ist nicht gut, zum Doktor zu gehen und sich mit Antibiotika vollspritzen zu lassen. Musik sollte die Kranken heilen. Auf den Straßen Kingstons laufen die Kids zwischen Blutlachen und Patronenhülsen herum. Die Verbrechensrate nimmt zu, die Kirche manipuliert die Leute, die Polizei ist planlos und überfordert. Ich versuche herauszufinden, wie es so weit kommen konnte. Ich bin der Detektiv, der nach besseren Medikamenten sucht, der etwas finden will, was die Welt heilt.«

    Natürlich fällt in diesem Monolog Terry Lynns auch irgendwann das Zauberwort ›change‹. Fragt man sie, wie Barack Obama in Jamaika rezipiert werde, antwortet sie: »Wir lieben ihn. Nach all dem, was wir seit der Sklaverei erlebt haben, ist es ein großer Moment, dass jemand von uns Präsident eines derart mächtigen Landes wird. Obama ist der Black King – das Symbol, dass wir all das erreichen können, wovon wir so lange ausgeschlossen waren.«

»Kingstonlogic 2.0« von Terry Lynn ist bereits erschienen (Phree Music / Groove Attack).

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