The Schwarzenbach »Nicht sterben. Aufpassen.« / Review

Schlussendlich wird also doch gestorben, aber wer aufgepasst hat, dürfte eine der schönsten Herbstplatten des Jahres für sich entdeckt haben.

Den ganz großen Roman hat Annemarie Schwarzenbach nie geschrieben, dafür zahlreiche Novellen, Fragmente, Reisetexte. Nach intensivem Leben voller Liebschaften, Drogen und Depressionen starb die Schweizer Schriftstellerin 1942 in jungen Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls, wie es offiziell heißt. In ihrer Biografie finden sich jedoch Hinweise auf eine zuvor erfolgte krasse Fehlbehandlung durch ihre Ärzte – die vermeintlich Geisteskranke sei mit Elektro- und Insulinschocks behandelt worden und physisch wie psychisch am Ende gewesen.

Schwarzenbachs Werk ist zum Glück nicht vergessen, es gibt sogar eine Band, die nach der androgynen Dichterin benannt ist. Nicht sterben. Aufpassen. heißt das zweite Album von The Schwarzenbach, bestehend aus dem Kammerflimmer Kollektief sowie dem Schriftsteller und ehemaligen SPEX-Chefredakteur Dietmar Dath. Dramaturgisch geht es von Hass zu Liebe. Wir steigen ein mit »Zarte Blüte Hass«, einem zehnminütigen Epos voller Feedback, Drones und Brachialität, das atmosphärisch an Bands wie Boris oder Sunn O))) erinnert.

»Weg mit dem Konto, weg mit dem Job / Ich möchte nie mehr so tun als ob / Raus aus der Wohnung, raus aus der Stadt / Frei ist nur einer, der nichts mehr hat.« So wird zunächst dem bürgerlichen Leben entsagt. Doch wer glaubt, jetzt ginge es in den Wald zum Thoreau-haften Pilzesammeln, der hat sich mit dem Zwiebelmesser geschnitten. Was folgt, ist nämlich eine drastische Eruption, ein Lehrstück in Sachen Zorn, Splatter, Hass: »Ich bin der Mörder / Ich sehe rot / Erst kommt die Folter / Dann kommt der Tod«, brüllt Dath wie vom Leatherface gestochen. Es ist das Metal-Stück, das The Schwarzenbach bisher nicht geschrieben hatten, das der Metal-Fan Dath aber vermutlich immer hat schreiben wollen.

Danach muss man sich erst mal setzen und ein Glas Wasser trinken. Es folgt etwas Entspannung mit dem fast schon funkigen »Gesicht freihändig«. In der Anklageschrift »Toleranz heucheln« wird »Rote / Grüne« auf »Schuld und Sühne« gereimt, »Mänkmol mein I« ist in Roland-Hofmaier-Manier in alemannischer Mundart vorgetragen. »Bist du stark genug, mein Mann zu sein?«, fragt der hochemotionale Lovesong »Stark genug«, ehe die lustige Unterlassungsklage »Lass das bleiben« alle langweiligen Menschen in Helge-Schneider-Manier auffordert, ihre langweiligen Dinge gefälligst bleiben zu lassen. Der schönste Song aber ist die wundervolle Ballade »Leider bin ich tot«. Natürlich kann sich niemand den eigenen Tod nicht vorstellen, aber Dath kann. Das Ergebnis ist herzzerreißend und geht unter die Haut. »Ich kenne keinerlei Schmerz mehr und keine Not / Ich mag dich gern, aber lieber bin ich tot.« So wird am Ende also doch gestorben, aber wer aufgepasst hat, dürfte eine der schönsten Herbstplatten des Jahres für sich entdeckt haben.

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