»The Revenant«: Leonardo DiCaprio im Gespräch

Fotos: Filmstills Official Trailer The Revenant

Müde sieht Leonardo DiCaprio aus. Das passt gut zu seinem neuen Film The Revenant – Der Rückkehrer, der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Alejandro González Iñárritus auf wahren Begebenheiten beruhender Geschichte des Trappers Hugh Glass: Der muss sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst mit seinem Sohn und einigen finsteren Begleitern, schließlich aber mutterseelenallein und schwer verletzt durch die Wildnis Nordamerikas schlagen. DiCaprio ging für den Dreh an seine Grenzen, die Strapazen stecken ihm Wochen später beim Gespräch in einer New Yorker Hotelsuite noch in den Knochen. Den dringend nötigen Urlaub hat er für das Interview trotzdem gerne unterbrochen. Selten, sagt er, war er auf einen Film stolzer.

SPEX: Leonardo DiCaprio, woher kommt Ihr Hang zu den unglaublich düsteren, anstrengenden Rollen, die Sie in letzter Zeit spielen?
Leonardo DiCaprio: Wenn ich das wüsste! Es würde mich nicht wundern, wenn sich das auf meine deutsche Großmutter zurückführen ließe. Die war in ihrem Leben auf jeden Fall immer richtig hart im Nehmen. Aber wissen Sie was? Mit meinen früheren Rollen würde ich die in The Revenant wirklich nicht vergleichen. Einige von denen waren hart. Aber das hier war die härteste von allen.

War das der Grund, warum Sie sie spielen wollten?
Zunächst war das für mich wie ein Science-Fiction-Film. Die Handlung beruht zwar auf einer wahren Begebenheit und spielt im 19. Jahrhundert, aber in einer Gegend, über die es kaum historische Aufzeichnungen gibt. Das Gebiet im heutigen South Dakota war damals vollkommen unerschlossen, wild wie das Amazonas-Delta. Und in dieser Welt erzählen wir eine Geschichte darüber, wie weit der menschliche Geist gehen kann, wenn er mit aller Macht und gegen alle Widerstände ums Überleben kämpft.

Wo genau lagen bei den Dreharbeiten in Kanada die Schwierigkeiten?
Zum einen dauerten sie ewig. Zwei Monate verbrachten wir allein damit, alle Szenen durchzuplanen und zu proben. Außerdem wollte Alejandro nur mit natürlichem Licht drehen, und die idealen Bedingungen gab es jeden Tag nur für ungefähr zwei Stunden. Manchmal fühlte ich mich wie beim absurden Theater: Von früh bis spät waren alle mit Vorbereitungen und Proben beschäftigt, nur um dann in diesem kleinen Zeitfenster eine einzige perfekte Aufnahme hinzubekommen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ganz zu schweigen davon, dass wir meist fernab jeglicher Zivilisation gedreht haben, weswegen immer erst die gesamte Ausrüstung durch Wald und Wiesen transportiert werden musste.

»Schuld ist der Kapitalismus.«

Und dazu kam das Wetter.
Das war auf jeden Fall das Schwierigste, in jeder Hinsicht. Manchmal war es so kalt, dass die Kameras nicht funktionierten. Aber die Dreharbeiten dauerten so lange, dass irgendwann der Frühling einsetzte. Es war das wärmste Jahr in Kanada seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, also fing plötzlich der Schnee an zu schmelzen. Für einige Szenen mussten wir deswegen den kompletten Dreh ans andere Ende der Welt verlegen und im verschneiten Süden von Argentinien zu Ende drehen.

Kann man sich überhaupt noch aufs Spielen konzentrieren, wenn man fürchterlich friert?
Es gab wirklich keinen einzigen Tag, an dem ich nicht gefroren hätte. Und nirgends schlimmer als an den Händen. Aber genau das sollte am Ende auch auf der Leinwand zu sehen sein, schließlich ging es meiner Figur nicht anders. Überhaupt ist das meiste, was die Zuschauer zu sehen bekommen, auch so beim Dreh passiert, ausgenommen von ein paar CGI-Effekten. Szenen wie jene, in der mich der Bär angreift, hätte man nicht anders drehen können. Alles andere ist aber wirklich echt. Für mich ist der Film deswegen beinahe reinster Neo-Realismus, von meinen durchnässten Klamotten bis hin zum zotteligen Bart in meinem Gesicht. Nur dass Alejandro gleichzeitig ein unglaubliches visuelles und stilistisches Konzept für den Film entwickelt hat. Seine Kamera ist eine voyeuristische, die gleichzeitig ganz nahe an kleinsten Details der Figuren dran ist und trotzdem auch die überwältigenden Landschaften einfängt. Nur an der unerbittlichen Kälte änderte das leider nichts.

Wie haben Sie sich in Ihre Rolle eingefunden?
Das lässt sich immer so schwierig beantworten. Ich selbst habe weder Kinder noch auch nur annähernd etwas so Tragisches durchgemacht wie Hugh Glass. Im Gegenteil würde ich mein Leben bislang als ziemlich gesegnet bezeichnen. Aber ich war noch nie jemand, der zwingend eine echte Nähe zu seiner Figur spüren muss. Es reicht mir, wenn ich gewisse Bezüge herstellen kann. Und diese Geschichte von einem Vater, der seinem indianischstämmigen Sohn beibringt, wie man um sein Überleben kämpft, und letztlich selbst auf diese Kenntnisse angewiesen ist – wie könnte man sich davon nicht rühren lassen und mitfühlen?

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Wenn man immer wieder mit Ausnahmeregisseuren wie Iñárritu oder Martin Scorsese arbeitet, bekommt man da nicht selbst Lust, Regie zu führen?
Lust schon. Aber das Problem ist, dass Leute wie die beiden so verdammt gut sind. Wie sollte ich da jemals mithalten können? Wenn also eine tolle Geschichte meinen Weg kreuzt, versuche ich lieber, einen von ihnen zu dem Job zu überreden. Film ist nun einmal das Medium des Regisseurs, und man muss wirklich gut und erfahren sein, um hinter der Kamera zu überzeugen. Ich habe es viel zu oft erlebt, dass ein grandioses Drehbuch in den falschen Händen gelandet ist und am Ende etwas herauskam, das man sich einfach nicht ansehen kann.

Sie sind inzwischen 41 Jahre alt und machen den Job als Schauspieler über die Hälfte ihres Lebens. Hat sich in all der Zeit Ihr Blick auf diesen Beruf sehr verändert?
Ehrlich gesagt kein bisschen. Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher die Chance bekam, in This Boy’s Life neben Robert de Niro vor der Kamera zu stehen. Damals habe ich als Vorbereitung auf den Dreh ein Jahr lang nur Filme geguckt. Zu entdecken, was für Kunstwerke die Kinogeschichte zu bieten hat und zu welch unglaublichen Leistungen tolle Schauspieler fähig sind, hat enormen Eindruck auf mich gemacht. Seither habe ich mit jeder neuen Rolle eigentlich nur ein Ziel: so nah wie möglich an diese Meisterwerke heranzukommen. Auch wenn ich in meiner Karriere ab und zu eine falsche Entscheidung getroffen habe, bin ich eigentlich immer gut damit gefahren, mich an solchen hohen Idealen zu orientieren.

»Wie soll man einen epischen, poetischen und existentialistischen Kunstfilm über einen Menschen und die Natur an den Mann bringen?«

Sie haben auf jeden Fall längst die Freiheit, sich Ihre Projekte aussuchen zu können. Gibt es noch Wunschrollen?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich nach The Revenant gerade gar kein Bedürfnis, überhaupt irgendetwas zu spielen. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich kündige hiermit nicht meinen Ruhestand an. Aber nach zehn Monaten in der Wildnis muss ich wirklich erst einmal entspannen. Allerdings muss ich ja auch noch ein paar Wochen die Werbetrommel für den Film rühren.

Müssen Sie oder wollen Sie?
Beides natürlich. The Revenant ist auf jeden Fall ein Film, für den man ordentlich trommeln muss. Denn solche Filme gibt es heutzutage eigentlich gar nicht mehr. Alles dreht sich nur noch um die großen Blockbuster-Spektakel mit ihren Spezialeffekten. Wie soll man da einen epischen, poetischen und existentialistischen Kunstfilm über einen Menschen und die Natur an den Mann bringen? Dass wir überhaupt die Chance bekamen, einen solchen Film zu drehen, ist unglaublich. Deswegen trage ich gerne meinen Teil dazu bei, dass er nun auch gesehen wird.

Trotzdem wurde schon Ihr nächstes Projekt verkündet: Sie wollen den VW-Abgasskandal verfilmen.
Bislang ist das nur eine Idee. Meine Produktionsfirma und ich sind immer auf der Suche nach interessanten Stoffen. Und dieser hier passte thematisch bestens, schließlich geht es bei der Sache nicht nur um einen Skandal, sondern auch um Umwelt- und Klimaschutz. Also haben wir uns die Rechte an einem Buch gesichert. Aber wir reden hier über ungelegte Eier. Ich bin seit über 15 Jahren damit beschäftigt, Filmprojekte zu entwickeln. Außer The Aviator und The Wolf Of Wall Street hat es bisher keines von ihnen auch auf die Leinwand geschafft.

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Sie haben gerade das Thema Klimaschutz erwähnt. Ein Steckenpferd von Ihnen, nicht wahr?
Für mich ist das schlicht das monumentalste Problem, vor dem die Menschheit je stand. Alle Entscheidungen, die wir diesbezüglich jetzt treffen, werden für die nächsten 10.000 Jahre Auswirkungen auf uns haben. Die größte Schwierigkeit, die aktuell aus dem Klimawandel hervorgeht, ist ja das Ungleichgewicht, in das die Welt gestürzt wird. Die armen Länder und die unterprivilegierten Menschen sind die ersten, die unter den bevorstehenden Katastrophen zu leiden haben. Dabei haben sie selbst sie nicht verursacht. Schuld ist vielmehr der Kapitalismus, und damit unser unstillbares Verlangen nach Konsum.

The Revenant – Der Rückkehrer
USA 2015
Regie: Alejandro González Iñárritu
Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Will Poulter, Domhnall Gleeson u. a.

Das komplette Interview mit Leonardo DiCaprio, welches hier auszugsweise veröffentlicht wurde, kann in der Printausgabe SPEX N° 366 gelesen werden. Hier geht’s zum Heft.

1 KOMMENTAR

  1. …leider besteht der Großteil der Stücke Alva Noto´s aus Rework´s seines letzten, großartigen Werkes „Xerrox 3″… das ist schade, denn so verkommt „Xerrox 3“ in gewisser Weise zum umgeleiteten „Vorarbeiter“…

    trotzdem natürlich: großartiger Soundtrack!

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