The Residents

»There’s a big eyeball that sings«, heißt es im beklemmenden »Secret Room«, aber wer soweit gekommen ist, weiß längst, dass die schaurigen Augäpfel, die bereits seit Ende der sechziger Jahre ihr multimediales Unwesen treiben, zurück sind. Den gleichermaßen beunruhigenden wie vermutlich hanebüchenen Grund dafür liefern die anonymen Künstler im Booklet, in dem sie erläutern, dass ihr neues Album auf einer ihnen gesendeten DVD namens »Postcards From Patmos« basiere. Sie stamme von einem ehemaligen Kollegen, der den Spitznamen Bunny trage und behaupte, sein Bruder sei auf der griechischen Insel Patmos verschwunden. Die Stationen seiner vergeblichen Suche habe er auf Video gebannt, allerdings von so schlechter Qualität, dass sich die hilfsbereiten Residents dagegen entschieden, die Clips in YouTube einzuspeisen, um sie stattdessen (für die Konzert-Tournee) professionell zu überarbeiten und ihren aktuellen Longplayer eingedenk ihres inzwischen ebenfalls verschollenen Freundes »The Bunny Boy« zu nennen.

    Das eigentliche Stichwort für dieses Konzeptalbum, das motivisch an die Tradition ihres biblischen »Wormwood« (1998) anknüpft, liefert Patmos, wo der Legende nach Johannes die Offenbarung empfing und niederschrieb. Denn es geht um nichts Geringeres als den Untergang der Welt, der sich mit verhaltenen, aber umso garstigeren Industrial-Klängen sowie einer fiesen Gitarre in »Boxes Full of Armageddon, Boxes Full of Death« ankündigt, in »Secret Messages« entschlüsselt werden will und mit »Fear, Terror, Panic and Doom« in den Bildern eines fünfjährigen Mädchens besorgniserregende Formen annimmt.

    Die Residents lassen es in ihrer Herausgeberfiktion offen, ob diese dunklen Prophezeiungen nur die krude Phantasie eines Verrückten sind, indem sie etwa durch antiphonische Strukturen unterschiedliche Perspektiven einnehmen: »What If It’s True?« kann man dabei ebenso bang fragen, wie an anderer Stelle, in einem ihrer besten Stücke, felsenfest behaupten: »I’m Not Crazy«. Diese avantgardistische Gratwanderung zwischen Wahnsinn und futuristischer Schwarzmalerei, vor allem aber das eigentümliche Zusammendenken von bevorstehender Apokalypse und einem Hasen-Jungen, mag an Richard Kellys filmische Endzeitpsychose »Donnie Darko« erinnern, an den dämonischen Widergänger Frank, der dem Titelhelden den baldigen Niedergang der Erde in Aussicht stellt. Egal woher die Inspiration zu »The Bunny Boy« stammt, die Residents können immer noch Angst, Schrecken und Paranoia verbreiten und das Ganze in nicht mehr ganz taufrische, obgleich hörenswerte, verstörende Songs fassen. Glücklicherweise meint man, trotz aller inszenierten Düsternis jederzeit auch ein ironisches Zwinkern der postmodern geschulten Augäpfel wahrzunehmen. Das Ende mag nah sein, das ihrer Kreativität ist noch lange nicht erreicht!

LABEL: Mute Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 29.08.2008

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