Review: The Rakes Klang

Wer glaubt sich neu erfinden zu müssen, wer Abstand und Abschottung braucht, der geht nach Berlin. Musikern galt die Stadt spätestens seit den ausgehenden siebziger Jahren als Underground-Oase, als Abenteuerspielplatz für verbrauchte Rockstars. Es ist der Ort, an dem sich David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave auskurierten und ausprobierten. Vielleicht war es dieser romantische Mythos, der die Londoner Rakes in die Hinterhöfe unsanierter Altbaualleen des Ostens (genauer: in die Räume des früheren DDR-Rundfunkorchesters) getrieben hat, um eine Platte aufzunehmen. »Klang« haben sie die Sammlung elf neuer Stücke konsequenterweise überschrieben, eine Referenz an die Gaststadt, ihr eigenes »Achtung, Baby!«. Musikalisch niedergeschlagen haben sich die Produktionsbedingungen, die jenes »fresh and new environment« bot, allerdings nicht. Auch auf ihrem dritten Langspieler präsentiert das Quartett den gewohnten und in den letzten Jahren so oft gehörten schnittigen C86-Sound, zackige Wavesongs für den Tanzflur, hyperaktiven Röhrenjeansrock.

    Den beherrschen The Rakes mittlerweile aus dem Effeff. Matthew Swinnerton erweist sich nicht als Filigrangitarrist, leistet aber solide Riffarbeit in unverzerrten Kanälen, die das Tempo hochhält. Alan Donohoes unsteter Sprechgesang, der holprig wird, sobald er sich in eine Melodie verirrt, hat das nötige paranoide Etwas. So preschen die vier Männer durch das Album, lassen bei aller Energetik aber einprägsame Songs vermissen. Vieles ist hier verschenkt, denn Einfälle waren offenbar vorhanden. Allerdings führt der markante, etwas stockende Basslauf von »The Light From Your Mac« ins Nirgendwo, genauso wie das leiernd angeschlagene Ghosttown-Klavier, das »The Woes of the Working Woman« prägt.

    Es wäre zu verschmerzen, denn so harmonieselig wie etwa Maxïmo Park waren The Rakes, denen der große Durchbruch in Deutschland bislang versagt blieb, natürlich nie. Ihre Stücke klangen schon immer körperlicher, impulsiver und mechanischer. Während allerdings »22 Grand Job«, ihre frühe und bis heute beste Single, hastig proklamierte Abzähllyrik mit nervösem Beat gekonnt kompakt verband, können die »Klang«-Songs diese Dynamik nicht mehr aufrecht halten. »That’s the Reason« ergeht sich nur mehr in einem schnöden Skandier-Refrain, mehr als mitsummen möchte man den Lalala-Chorus der ersten, erschreckend ausdruckslosen Single »1989« eher nicht. Einzig »The Loneliness of the Outdoor Smoker« – ein Schelm, wer da an die Krankenhausraucher der Editors denkt – und vor allem »Shackleton« ragen aus den übrigen Stücken heraus. Hier setzt die Rhythmusmaschine Lasse Petersens zwischendurch aus, variiert die Schrittgeschwindigkeit der Truppe, bekommen die Kanten weiche Rundungen. Mit einer Neuerfindung hat all das freilich nichts zu tun.

LABEL: V2 Records / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 20.03.2009

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