The Pop Group Citizen Zombie vs. Gang Of Four What Happens Next

Wie robbt man sich auf die Höhe der Zeit? The Pop Group und Gang Of Four treten den Selbstversuch an.

Erstmals seit Menschengedenken fünf biologische Frauen auf den ersten fünf Plätzen der SPEX-Redaktionscharts – und was kommt hier? Weiße alte Männer schreiben über weiße alte Männer. Schlimmer: Weiße alte Männer mit Faible für sogenannte schwarze Musik schreiben über weiße alte Männer mit Faible für sogenannte schwarze Musik. Ende der Siebziger sind diese Männer in ihren frühen Zwanzigern, heute kennen wir sie als Pioniere des Postpunk. »Wir wollten keinen Punk spielen, weil das schon passiert war«, sagt Mark Stewart über die Anfänge von The Pop Group. Ende 1977 stößt der Punkrock Ramones’scher Prägung an seine Grenzen. Die eben noch befreiende Formel »Kauf ’ne Gitarre, lern drei Akkorde, gründe ’ne Band!« schlägt um in einen neuen Konformismus, der jede Abweichung als Verrat denunziert. Der Verrat wird zur Initialzündung produktiver Missverständnisse: Weiße Jungs lieben schwarze Musik, versuchen sie nachzuahmen, scheitern und nutzen das Scheitern mal wirklich als Chance.

Funk, Reggae, Dub sind die Quellen der Erneuerung für die vom orthodoxen Punk gelangweilten Typen aus Bristol und Leeds, die auch politisch mehr verbindet als die obligatorische Ablehnung des Thatcherismus. The Pop Group und Gang Of Four sind dezidiert linke Bands, letztere am Art-&-Frankfurter-School-Ende der Skala, erstere brutalistische Propagandisten. »For How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder?«, fragt die Pop Group auf dem gleichnamigen Album; einer ihrer Hits konstatiert zu nervenaufreibendem Punk-Funk: »We Are All Prostitutes«. 1979/1980 ist das die richtige Antwort auf die subkulturell hegemoniale Ideologie der Alternativmilieus, die sich nach 1977 aus den Ruinen der militanten Linken aufgemacht hatten, um in den Nischen des Spätkapitalismus ein bisschen richtiges Leben im falschen aufzuziehen. Heute wissen wir, dass es hier losging mit der Öko-Ökonomie, der Grünen-Partei und am langen Ende mit den »Geilen kleinen Firmen« (Funny van Dannen), die das Elend der Selbstausbeutung mit der Aussicht auf Selbstverwirklichung versüßen.

KLMN GGWK2 GangOf Four

Im historischen Moment der Ablösung – militante Linke kaputt, Punk macht Tabula rasa – ist das Beharren auf der Realität von Ausbeutung – wir sind alle Prostituierte – die richtige Geste. 35 Jahre später haben sich Modi und Methoden des Sich-Prostituierens derart ausdifferenziert, dass die Aussage mehr verschleiert als enthüllt. Schon die Prostitutionsbedingungen von Sexarbeiterinnen und -arbeitern sind so vielgestaltig, dass nicht mal sie guten Gewissens »We Are All Prostitutes« skandieren können. Nicht der beste Zeitpunkt also für die Rückkehr der Pop Group, deren Stärken weniger in der Feinanalyse als im Wüten gegen das System lagen. Die rage against den großen Verblendungszusammenhang tobt auch auf dem neuen Album Citizen Zombie (Freaks R Us). Mark Stewart wütet gegen eine Nation der Couch-Potatoes, gekettet an TV screens, wo etwa die Sleaford Mods ihren »excremental anger« auf die »deodorised digital commercial propaganda« richten, auf die citizens, die ihren Frust bei Twitter rauslassen: »All you Zombies, tweet tweet tweet!«

Man kann der Pop Group nicht vorhalten, sie versuche nicht, sich auf die Höhe der Zeit zu robben. Dafür haben sie Paul Epworth engagiert, 40 Jahre alt, einen der erfolgreichsten Produzenten seiner Generation; für seine Arbeit mit Adele bekam er vier Grammys – nicht die naheliegendste Wahl für das Unternehmen Pop-Group-Revival. Die Resultate sind, nun ja, interessant. Weniger, wenn Epworth die Band auf eine heutige Version des 82er Pop-Funk à la ABC oder Haircut 100 trimmt, mehr, wenn er sie in Richtung Hochglanz-R’n’B dirigiert, wenn also ein Song tatsächlich so anfängt, als würde gleich Drake mit Rihanna turteln, bis dann der große Mark Stewart (fast zwei Meter) sein großes Maul (zwanzig Zentimeter? Dreißig?) öffnet und Rotkäppchen frisst.

Stewarts Berserkertirade ist nicht integrierbar in heutige Klangoberflächen – das ist die schlechte und die gute Nachricht. Ich versuche, diese Platte so zu hören, als wüsste ich nicht, wer das ist, versuche, mir vorzustellen, das wäre eine neue Band, und scheitere. The Pop Group bleibt The Pop Group. Ich höre What Happens Next (Membran), das neue Album der Gang Of Four, und versuche mich daran zu erinnern, warum mir die Band damals, 1979/1980, mehr bedeutete als The Pop Group. Es gelingt nicht. Ich muss gar nicht versuchen, die Platte so zu hören, als wüsste ich nicht, wer das ist. Ist das eine dieser 2000er-Bands, die im Fahrwasser von LCD Soundsystem und The Rapture Disco-Punk in die amerikanische Provinz bringen wollten? Eine Chili-Peppers-Cover-Band? Wer singt da? Nicht Jon King, der das Gegenstück zu Gitarrist Andy Gill gegeben hatte, stattdessen ein gewisser Gaoler und Alison Mosshart von The Kills, was nicht mal auf dem Papier eine gute Idee ist, sondern nur von Verzweiflung zeugt: irgendwie den Zug ins now erwischen.

Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt man, und es kommt … Herbert Grönemeyer. Und knödelt sich durch eine Litanei, die es nicht mal auf ein Ramschalbum von U2 geschafft hätte. Dazu hässliche Fotos. Andy Gill mit Grönemeyer beim Bier, Kommentar: »Managed to catch up this week in Berlin with Herbert Grönemeyer, whose voice will bring an interesting dynamic to the new GOF record. He’s recently topped the album charts in Germany, so do check out his music …« Grönemeyer war es ja auch mal gelungen, sich von Adrian Sherwood remixen zu lassen, der wiederum wie seine alten Kumpels von The Pop Group auf den Dialog mit der (reiferen) Jugend und auf den bassmusiktechnisch bewährten Dialog London-Bristol setzt und ein sehr okayes Album mit Pinch aufgenommen hat: Late Night Endless (On-U Sound). Hardcore continuum to be continued.

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