The Pierces, Töchter aus gutem Hippiehause

Sie sind das Bindeglied zwischen CocoRosie und Britney Spears: Die Schwestern Catherine und Allison Pierce waren bis vor kurzem erfolglos in den endlosen Weiten Nordamerikas als Countryduo mit Majorvertrag unterwegs, erfanden sich in New York neu und begeistern seitdem mit offensiv aufgehübschtem Gute-Laune-Pop.

    Das Besondere an den Pierces ist übrigens nicht, dass sie Schwestern sind. Das Besondere liegt auch nicht in dieser kolportierten Story, dass die jüngere der beiden, Catherine Pierce, als junges Mädchen von einer Gypsie-Folkloretanztruppe entführt wurde und Jahre lang glücklich durch die Lande gereist ist (Stockholm-Syndrom! »The Searchers«!). Nein, diese Geschichte ist bloß ein Fake, ein kleiner Scherz, den die Schwestern in ihre Biografie implantiert haben. An der Geschichte stimmt wahrscheinlich nur, dass beide Pierces eine Ballettausbildung genossen haben und ziemlich viel herumgekommen sind. 

Was ist das Besondere am Ballett? Was soll das überhaupt?
    Catherine Pierce (CP): Oh, du magst es nicht?

Nein. Ich verstehe es auch nicht.
    Allison Pierce (AP): Es ist schön, es ist eine Kunstform, und es ist ein guter Tanzsport. Ein Sport für junge Frauen. Hält Kopf und Körper gesund.

Wie die erfundene Entführung spielt auch das Ballett bei der Erfassung und der Präsenz der Musik, die die Pierces gemeinsam machen, keine sonderlich große Rolle. Vielleicht, wenn man sie live sieht und sie einige geschickte Moves präsentieren. Auf ihrer neuen Platte, »Thirteen Tales Of Love And Revenge«, herrscht aber keine rote Plüschatmo mit Tangoappeal vor. Auch von der Kirmesmusik des Openers »Secret« und dem von Catherine selbst gezeichneten Layout der CD (die beiden als Comicfiguren, umrahmt von psychedelisch wirkenden Schlingpflanzen und einer Schlange) sollte man sich nicht täuschen lassen: Mit den Schwestern CocoRosie haben die Schwestern Pierce nur wenig zu tun. Ihre Platte ist leichter zugänglich, will Pop sein, sie klingt beschwingt, will gute Laute vermitteln und schafft das auch. Pop aber auch in einem Sinne, der mainstreamtauglich, aber nicht bemüht mainstreamorientiert ist. Guter Pop, nette, clevere Songs, durchgehend betörender Doppelgesang. Smarte Hooks, schöne Sirenenchöre (vor allem in »Boring«), satte Instrumentierung. Als Einflüsse geben die beiden in New York lebenden Schwestern große, vergangene Namen an: The Beatles, Joni Mitchell, Sam Cooke, Simon & Garfunkel.

Ist es manchmal schwierig, als Geschwisterpaar Musik zu machen und Konzerte zu geben?
    CP: Nein, nein. Wir haben schon unsere Auseinandersetzungen, wir diskutieren viel über die Musik, aber wir sind nicht nur Schwestern, sondern auch sehr gute Freundinnen.

Von CocoRosie haben sie tatsächlich nur gehört, ansonsten hängen sie in New York gerne in der Szene um Adam Green und The Strokes herum. Ihren neuen Produzenten und Mitautor Roger Greenawalt haben sie auf einer Weihnachtsparty getroffen; Greenawalt hat nicht zuletzt auch Adam Greens letzte Platten produziert. Und Catherine Pierce war lange mit Albert Hammond Jr. von den Strokes zusammen, sie waren sogar verlobt, doch ging die Beziehung auch aufgrund seiner Berufsauffassungen in die Brüche. Allerdings betont Catherine, dass sie ihre Verträge schon in der Tasche hatten, bevor sie Albert kennen lernte.

    CP: Er war sehr viel unterwegs. Wir sind immer noch befreundet, er hat auch einen kleinen Beitrag zu der Platte geleistet und wird das auch bei der nächsten tun. Das Problem mit ihm war, dass er aus seiner eigenen musikalischen Arbeit immer so ein Geheimnis gemacht hat.
    AP: Auf der nächsten Platte wird auch Adam Green ein Duett mit uns singen.

Eure beiden ersten Platten sind in den USA bei den Majorlabels Sony und Universal erschienen, in Europa hielt man es gar nicht für nötig, sie überhaupt zu veröffentlichen.
    AP: Angekommen sind sie nirgendwo. Wir waren ein besseres Country-Frauenduo mit Akustikgitarren. Auch die Produktion war nie so, wie wir sie uns gewünscht hätten.

Ursprünglich, das sollte man an dieser Stelle einfügen, stammen die Pierces aus einem namenlosen Kaff in Alabama. Töchter aus gutem Hippiehause. Irgendwann mussten sie dieser Idylle entfliehen, um über den Umweg eines Studiums an der Universität in Auburn, Alabama, schließlich nach New York zu ziehen. Da war ihr selbstbetiteltes Debüt bereits ziemlich untergegangen, ihr zweites Album hieß »Light Of The Moon« – und floppte ebenfalls.
    Allison, die ältere, dunkelhaarige, ist mittlerweile verheiratet. Ihr Mann trägt Allisons Karriere mit Fassung und hält auch längere Abwesenheitsperioden aus. Catherine, die jüngere, blonde, erinnert ein bisschen an Britney Spears, was daran liegen mag, dass man als europäischer Mann dieses sehr amerikanische Konglomerat aus blondierten langen Haaren, verschärftem Look, hellrosa Lipgloss und naiv gespielter Körpersprache (die so naiv nicht ist) wohl nicht anders einzusortieren weiß. 

Auf Eurer neuen Platte ist neben viel Frohsinn eine tiefe Ironie spürbar. Als ob es darum geht, den Hörer zu verwirren, ihn in die Irre zu führen.
    CP: Stimmt. Das Stück »Boring« ist zum Beispiel ironisch. Wir singen von Dingen, die wir sehr gerne mögen – und fügen dann ein »Boring« hinzu.

In »Boring« heißt es auch, dass Drogen wie Koks und Heroin »boring« sind.
CP: Uups!

Eure Platte ist auch sonst nicht wirklich Rock’n’Roll, es gibt nicht viele Gitarren zu hören.
    AP: Wir wollten keine Jungs-Rock-Platte machen. Wir wollten eine weichere, feminine Platte machen. 

Mit ›weicher‹ und ›weiblicher‹ meint Allison: Mut zur bogenschlagenden Melodie; Dur-Akkorde, so weit die Ohren reichen; insgesamt eine ausgesprochen sanfte Akzentuierung von Instrumenten. Und der unprätentiöse, trotzdem dauerpräsente Einsatz ihrer Stimmen. Überhaupt scheint den Pierces nichts ferner zu liegen als Prätention. Dazu die lieblichen Zeichnungen auf der Hülle und der blassrosa Farbton. Dass die Pierces in New Yorker Szene-Zusammenhängen herumsurfen, erstaunt dann doch, der Platte hört man es nicht unbedingt an. Vielmehr klingt »Thirteen Tales…« wie ein lockeres Versprechen einer besseren, bunten Welt; eine kluge Kaugummipop-Platte, die sich nicht billig verkaufen will.
    Tatsächlich ist dies das Besondere an den Pierces: ihr Mut, das scheinbar Weibliche in ihrer Musik, durch die immer noch viel Country weht, so zu behaupten und so tricky zu präsentieren, wie sie es tun. Offensiv aufgehübscht.

»Thirteen Tales of Love and Revenge« von The Pierces erscheint am 29. Juni 2007 (Lizard King / RTD).

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.