The Notwist: Eine Live-Mitschrift des neuen Albums

The NotwistEnde letzter Woche, früher Abend, Berlin-Kreuzberg, 50 Meter bis zur Spree. Nicht nur die SPEX-Redaktionsräume liegen im Grenzgebiet der Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg, knappe 300 Meter die Straße hinunter haben sich im letzten Jahr City Slang und Cooperative Music in den ehemaligen Räumen von V2 Records eingerichtet. »Wollt ihr nicht später rüberkommen, dann spielen wir euch das neue The Notwist-Album vor«, hieß es in der Email. Natürlich wollten wir das!

Der Empfang ist wie immer herzlich, die City Slang-/Cooperative-Mitarbeiter die wärmsten Menschen Berlins, der Zucker hingegen ist aus: Süßstoff soll den Kaffee richten, kann er aber nicht. Das noch unbetitelte Notwist-Album kam gerade aus den Abbey Road-Studios vom Mastering, als einzelne, 12 Megabyte große Audiodateien – via Internet. Das Büro in dem wir es uns gemütlich machen ist nur schwach beleuchtet, es kommt der Stimmung nach einem anstrengenden Arbeitstag wohl auch entgegen, genau wie das Sofa, der Kaffee, letztendlich auch die Musik. Obacht: Die folgenden Sätze sind nur als Skizzen zu verstehen, nicht als Rezension.

»Good Lies« beginnt druckvoll, man hört wenige Effekte, dafür viel Akustikgitarre. Knapp fünfeinhalb Minuten ist das Eröffnungsstück lang, im zweiten Drittel hört man etwas, das ich als »interessantes Break« ins Moleskine notiert habe: die Drums klingen viel gedämpfter, dafür werden die Hihats wesentlich stärker betont. Wurden dabei zwei Schlagzeug-Sets parallel gespielt? Die Produktionsvideos (1, 2), die The Notwist seit kurzem auf ihrer Homepage zeigen, deuten dies an: Ausschnitte aus dem zweiten Albumtrack »Where In This World« haben sie online bereits präsentiert. Weitere Stichworte aus dem Notizbuch: Streicher, satt instrumentiert, Distortion, ein gluckernder Beat, Streichersolo, die Blechbläser scheinen elektronisch verzerrt. Dann ein Rattern, vielleicht auch Zirpen. Das Stück erinnert mehr an die Soundscapes aus Filmen wie »Mikrokosmos«, knapp vier Minuten vierzig Sekunden lang, das Stück soll derzeit als Single geplant sein. Jetzt schon ein starkes Stück!

»Gloomy Planets« ist wieder ein mehr von der Akustikgitarre getragenes Stück, Synthies surren, Markus Achers Gesang wird von Effekten überlagert – etwas, das man auf dem Album immer wieder feststellen muss: Gesang, Text, meist bleibt’s unverständlich. Dann aber wieder so ein kraftvolles Stück Musik wie das zweite: »Alphabet«, was für eine Wand! EinsZweiDreiHihat, ein Rasseln, dazwischen die TomToms, ein monotones Zupfen, nein, mehr ein Zittern. Dazu Verzerrung, Bleeps und Blops, nach drei Minuten faden The Notwist langsam aus: eher down, ruhig, melancholisch klingt »Alphabet«.

»The Devil, You & Me« ist zuvorderst ein ausgezeichneter Titel, man ahnt schon die Geschichte dahinter. Es beginnt mit einem Klavier-Tremolo, dunkle Mollanschläge, flirrende Sounds begleiten die Eröffnung, dann wieder Schwenk auf die Akustische. Aber auch hier wieder: Text. nur. schwer. verständlich. »Bring it all home / and keep it warm« Haben wir das gehört? Oder andere, ähnliche Worte? Das Xylophon-Spiel wird schließlich unterbrochen, Cut und Vollinstrumentierung. »Gravity« arbeitet auch mit verzerrter elektronischen Sounds, dem schnellen, harten Einstieg folgt eine Stimme aus dem Off, sie singt mehrmals beschwörerisch: »Gravity will get me«. »Sleep« klingt wieder nach Downtempo, es folgt das Klavier in Moll. »We stayed for one reason / The Sun was up all night / And I put my arms around you …« Schön!

Nun aber, Highlight-Zeit: »On Planet Off«. Es ist wahrscheinlich das stärkste Stück des Albums, genauer wird man dies aber erst nach zehn, vielleicht auch zwanzig Durchläufen sagen können. Oder erst nach zehn Jahren, wer weiß. Jetzt aber, nach knapp dreißig Minuten neue Notwist, beginnt dieser Fünfminüter dunkel, düster, eine maschineller Rhythmus, oder vielleicht sogar Maschinensound. »It’s pushing me out today«, singt Acher an der verständlichsten Stelle durch die drückenden, knackenden Effekte. Das Gitarrenpicking klingt in gewisser Weise exotisch, afrikanisch, vielleicht auch indisch: an manchen Stellen könnte man jedenfalls seine Sitar darauf verwetten. Das folgende »Boneless« soll vielleicht die Radiosingle werden. Mit knapp drei Minuten hat es ja auch eine gute Popsonglänge, mit dem Cello im Off hat das äußerst schmissige Stück da wohl auch die besten Karten.

Noch zwei Stücke, sechs Minuten 39 Sekunden, dann ist es schon wieder rum. Das sechste Notwist-Album ist rund 42 Minuten lang bzw. kurz, elf Stücke hätten die Herren Acher und Gretschmann in den vergangenen Monaten fertigstellen können, ein weiteres finalisiere man derzeit (dieses wird aber nicht auf dem Album erscheinen).

»Hands On Us«, da fächert sich doch schon wieder die Storyline vor dem Auge auf. Wie so oft bleiben Markus Achers Texte aber wieder im mehrdeutigen, schwer verständlichen Bereich. Erneut hört man dunkle, hüpfende Moll-Anschläge auf der Klaviatur, ein öliges Gitarrenpicking und breite Streicherinstrumentierung. Wieder eines der stärkeren Stücke, es liegt irgendwo zwischen den Musiken von Hauschka und an die poppigen Aphex TwinInterpretationen von Alarm Will Sound. Fabelhaft. Da kommt auch das abschließende »Gone Gone Gone« nicht mehr ran. Zur Popgitarre singt Acher: »When it’s cold (unverständlich) / Hello to all the others / Cause they’ll / we’ll / Never let you go this far«.

Was bleibt? Nach einem Durchlauf und einzelnen wiederholt gehörten Stücken ist es schwierig, The Notwists neuesten Entwurf einfach nur als Fortsetzung von »Shrink« oder »Neon Golden« zu bezeichnen. Zuviel Zeit ist vergangen, zuviele die in ihrem Signature Sound (erfolgreich) geplündert haben und vor allem zuwenig Zeit für eine umfassende Analyse. Vielleicht muss man diese Randnotizen mehr als Ausblick betrachten: Gesang und Texte sind ein integraler Bestandteil dieses Albums, schade nur dass man sie so schwer versteht. Ein ausführliches Booklet dürfte dem Abhilfe verschaffen. So wirkt der Gesang denn auch mehr als Stilmittel, als Instrument, um die mal spärlich, mal oppulent eingesetze Electrnica abzuschwächen. Und auch wenn an den Aufnahmen ein rund zwanzigköpfiges klassisches Orchester beteiligt war, so hört man hier doch kein Klassik-Album. Mehr zur neuen Notwist – dann vor allem in Ruge gehört – in der kommenden Ausgabe von SPEX ab Mitte April, das Album erscheint am 02. Mai (City Slang / Universal Music).

The Notwist Live:
24.04. A-Steyr – Röda
27.04. A-Graz – Orpheum
28.04. A-Wien – Radiokulturhaus
09.05. Berlin – Volksbühne
16.05. München – Muffathalle
20.06. Neuhausen ob Eck – Southside Festival
22.06. Scheesel – Hurricane Festival

VIDEO: The Notwist – Pick Up The Phone

The Notwist – TBA:
01. Good Lies
02. Where In This World
03. Gloomy Planets
04. Alphabet
05. The Devil, You & Me
06. Gravity
07. Sleep
08. On Planet Off
09. Boneless
10. Hands On Us
11. Gone Gone Gone

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