The National

Sich Bands erklären zu lassen, die man noch nie gehört hat, ist eine schöne Sache. Die Regeln lauten: Bitte jemanden (den du wirklich magst) darum, einen Spaziergang zu machen und verbiete die Nennung von Referenz-Bands. »Totentrauriges Zeug«, so lautete das Urteil, als ich neulich eine Freundin nach The National fragte. Und: »Ein bisschen Alterna, ein bisschen Indie-Rock.« So soll es geklungen haben auf den drei Platten, die die Band aus ehedem Cincinnati, Ohio, und inzwischen Brooklyn, New York, seit 2001 veröffentlicht hat. Die vierte Platte heißt »Alligator«, aus einem Grund, den ich nicht benennen kann: Nichts Bösartiges, Garstiges, Gefährliches, nicht mal etwas wirklich Unberechenbares lauert da. »Alligator« greift nicht an, sondern schmeichelt sich ein.
    Alle Songs strotzen vor Familiaritäten, kleinen Momenten, die einen wie ein guter Freund feste drücken. Ideen, die einem bekannt vorkommen – von den Pixies, vom alten Springsteen, von Roxy Music, von Indie-Bands, deren Namen schon wieder verloren gegangen sind – blitzen auf. Niemals lange genug, um irgendeinen Retro-Verdacht bestätigen zu können, den eine New Yorker Band mit dem unheiligen »the« im Namen heute bei mir zwangsläufig aufkommen lässt. Bevor sich diese zahlreichen Mini-Referenzen überhaupt zählen ließen, überwältigt einen »Alligator« mit einer Fülle von Emotionen, die einen ganz duselig werden lässt. Nicht der Himmel, sondern ein dunkler Keller hängt voller Geigen – und dazu knallt dir Matt Berninger Zeilen vor den Latz, die es im einen Moment mit Interpols kryptischem stream of consciousness aufnehmen können, nur um im nächsten Augenblick seine Darsteller vor der Welt und sich selbst flüchten, vielleicht sogar den Verstand verlieren zu lassen. Und nein: Das alles hat wirklich nichts Bösartiges, sondern etwas kaum fassbar Beruhigendes – Emotionalität, die nicht in die Weinerlichkeit kippt, und eine hintergründige Referenzfülle, die lediglich aus Ahnungen zu bestehen scheint. Mehr als totentraurig.

LABEL: Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 11.04.2005

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