The Man No. 9

Da stehen sie auf der Bühne des Berliner Magnet Club, zu acht, The Man No. 9, Anfang Mai 2007. Uniform gekleidet mit weißen Hemden und Blusen, schwarzen Hosen, Röcken und Krawatten, die dunklen Haare – sofern vorhanden – lässig gescheitelt, die runden 80er-Retrosonnenbrillen blankpoliert. Hier hat jemand den Kleidungscode von Datarock studiert, nur statt Joggingoutfit Anzüge von der Stange gewählt. Als man meint, vorhersehbarer könne es an dieser Stelle nicht mehr werden, brettern The Man No. 9, ein international besetztes arty Spaßprojekt, tatsächlich mit Keyboardgewitter, Vollgas-Elektro-Rock und zur Schnute verzogener Lippe los. Aha!
    Gefährlich und sophisticated – »das Leben, wie es sein sollte«, um einem aktuellen Coke Zero-Claim zu folgen – so muss das Leben dem Selbstverständnis von The Man No. 9 zufolge wohl aussehen. Die Bandmitglieder aus Berlins schillerndem Kulturbetrieb – eine ehemalige Musikerin von Kate Mosh soll angeblich ebenso mitwirken wie ein früheres schwedisches Nivea-Model – stehen ganz und gar hinter dem Kollektivgedanken von The Man: Die erfundenen Charaktere der Band  haben alle eine eigene MySpaceIdentität respektiveURL parat. Ihre Mischung aus gespielter Coolness, Dress-Code, Rock-Attitüde, Elektro-Trash und überspitzt-ironisierten Sexismen ist Teil einer Selbstinszenierung, die man als Auswärtiger noch lange nicht verstehen muss. »It’s a Berlin thing«, so wird mir während des Konzerts im Publikum zugeraunt.

    Verständnisprobleme auch beim Anblick des Covers dieser ersten EP: Wo der Titel »Brazilian Barbeque« exotisch wirken mag, sind die rüstigen Rentner im 70s-Look sicherlich weit genug vom Copacabana-Lifestyle entfernt. Künstler eben, nun ja. Aber auch musikalisch treiben The Man No. 9 den Hörer kalauernd auf die Palme. Selten war »a Berlin thing« wohl bemühter auf Witz getrimmt, selten war die Musik unerträglicherer Party-Elektro-Rock, da passt auch der selbstgewählte Etikettenzusatz »Trash« ganz gut. Ihre Texte muss man nicht verstehen, man kann tatsächlich nur mit dem Kopf schütteln. Es reicht nicht, dass die Band auf Textebene inhaltlich wenig zu bieten hat, sie verpacken das ganze obendrein in stupide reim-dich-oder-ich-schlag-dich-Zeilen. Kostprobe? »You are hot like a barbecue hot like Brazil / I wanna be the sausage burning up on your grill«. Oder: » I am the queen of the nighttimeworld / And I am the soul that the devil just sold«.
    Um Aufmerksamkeit und »gude Laune« krampfende Musik ging selten so sehr auf den Zeiger wie hier. Selbst schuld, wenn das außerhalb Berlins nach hinten losgeht. Wenigstens sind The Man No. 9 selbstbewusst genug, Kritik mit großem Ego von sich abprallen zu lassen. Da stehen sie drüber: »Everyone’s a critic but it don’t means shit to me (…) And all those fucking pricks who said I couldn’t sing (…) I’ve got a big mouth but nothing to say«. Nee, is’ klar!

LABEL: Haute Areal

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 15.06.2007

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