The Maccabees Marks To Prove It

Bedeutung, maximale Emphase, totale Hingabe: The Maccabees schreiben die besten Arcade-Fire-Songs, die Arcade Fire nie geschrieben haben.

Es gibt kaum etwas, das in diesen Tagen so anachronistisch wirkt wie britischer Gitarrenpop. Das letzte Aufbäumen liegt auch schon wieder zehn Jahre zurück, die meisten Protagonisten von damals schleppen sich mehr schlecht als recht von einer mediokren Platte zur nächsten, während die ganze Welt anscheinend nur noch HipHop, Techno und auf verschiedene Weise elektrifizierte Popmusik hört. Das sind natürlich die üblichen Zeitschlaufen im Pop, wo seit Jahren eine Mischung aus Retrofuturismus und Nostalgie die alles bestimmende Währung ist, aber man kann trotzdem sagen: So bedeutungslos wie in den letzten fünf Jahren war die Rockmusik noch nie in den vergangenen sechs Dekaden.

Ausgerechnet The Maccabees hatte man auf der Suche nach Kronzeugen für die ungebrochene Vitalität gitarrengetriebener Pop- und Rockmusik allerdings eher weniger im Kopf. Vielleicht liegt es am bescheuerten Namen – man denkt in diesem Kontext natürlich eher an Beatles-Paule als an jüdische Rebellen –, aber ohne jemals bewusst auch nur eine Platte der Londoner gehört zu haben, verortete ich – und hier ist das unjournalistische Ich unbedingt angebracht – die Band ungefähr auf Augenhöhe mit anderen Second-Wave-Indierock-Truppen wie den Wombats, betrachtete sie also als vollkommen irrelevant.

Was für eine Überraschung ist nun Marks To Prove It! Zunächst greift die Begrenzung auf die britische Gitarrentradition hier ohnehin viel zu kurz. Das vierte Album der Maccabees ist ein im besten Sinne internationales, aus zahlreichen Quellen schöpfendes Wunderwerk, dessen Hauptinspiration vermutlich die Arcade Fire der mittleren Phase waren, außerdem Bands wie Elbow. Ein schwelgerisches, brillant komponiertes und arrangiertes Kleinod. Dann liest man, dass die Band daheim in England schon seit Jahren mit Spitzenkritiken zugepflastert wird und 2012 für den Mercury Prize nominiert war – oh, süße Ignoranz! Aber durch einen Zufall beim Meisterwerk dazuzukommen ist ja auch ganz schön.

Die hymnische Dringlichkeit, mit der The Maccabees »Spit It Out« von einem sanften Klavierintro in die Unendlichkeit katapultieren; die treibende Kraft, mit der sie im Titelsong bei den Wurzeln des Brit-Pop beginnen, um dann in sämtliche anderen Richtungen auszuschweifen; die Raffinesse, mit der es ihnen gelingt, mit »WW1 Portraits« den besten Arcade-Fire-Song der letzten zehn Jahre zu schreiben, den die Kanadier nicht geschrieben haben; die Treffsicherheit, mit der sie das Album nicht als Liedersammlung, sondern als Kunstwerk begreifen – all das, jedes Wort, jeder Ton suggeriert Bedeutung, maximale Emphase, totale Hingabe.

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