Review: The Long Blondes Singles

Beim Öffnen der CD-Verpackung stößt man zuerst auf die schlechte Nachricht: Gegen Ende des letzten Jahres trennten sich The Long Blondes aus Sheffield. Nachdem ihr Gitarrist Dorian Cox einen Schlaganfall erlitt, konnte er in absehbarer Zukunft sein Handwerk nicht wieder ausüben. Die gute Nachricht: »Singles«, die Sammlung ihrer frühen Veröffentlichungen, klingt erstaunlich zeitgemäß und füllt – gleichzeitig als ihr Abschluss fungierend – ein paar Lücken ihrer facettenreichen Bandgeschichte mit wenig bekanntem, aber hörenswertem Material. Schon lange vor dem Pulp-igen Debütalbum »Someone to Drive You Home« war das Quintett mit allerlei Vorschusslorbeeren bedacht worden, zum Einen wegen seiner hier noch rohen Vermischung von Spectorismen, Postpunk (»New Blonde« beispielsweise beginnt mit den charakteristischen »Be My Baby«-Drums, geht dann aber in zackiges Delta 5-Gespringe über) und C86-Schrammelpop, wie er gerade dieser Tage mit Bands wie Crystal Stilts, Vivian Girls oder Comet Gain – letztere damals schon Labelkollegen der Blondes – auf breitere Rezeption trifft.

    Das Besondere an den Blondes war aber immer die fruchtvolle Beinahesymbiose zwischen Cox, der die Mehrheit der Texte schrieb, und Kate Jackson als idealer Interpretin der teils egoperspektivischen, teils observierenden Studien verpasster Gelegenheiten und emotionaler Einbahnstraßen. Jacksons Stimme steht gesangstechnisch zeitweise noch auf wackligen Beinen, spielt aber von Anfang an ihr ungeheures Charisma aus und reicht mit wandlungsfähigem Timbre und Intonation von Vamp Fatale über warm-konversationell bis zu aufgeregter Grrrligkeit. Dank ihr machen auch eingängige Genre-Fingerübungen wie der Hüftwackler »Polly« oder die Rockabilly-artigen »My Heart is Out of Bounds« und »Peterborough« richtig Spaß. »Giddy Stratospheres«, einer von drei Songs, die sich glatter produziert auch auf dem Debütalbum finden, gefällt in dieser Version durch den Einsatz von Händeklatschen besser, spiegelt die längere Herauszögerung des Refrains doch noch starker die sexuelle Frustration seiner Hauptfigur wieder. »Appropriation (By Any Other Name)« nimmt sich Kim Novaks Figur in Hitchcocks »Vertigo« an, die James Stewart versucht nach seinem Bild zu formen (»You can’t have me, make me act the same, the way you treat me is inappropriate,« kritisiert Jackson). Das ebenso exzellente »Autonomy Boy« spielt das Thema wiederum mit verdrehten Geschlechterrollen durch.

    Trotz seiner chronologischen Funktion lässt sich »Singles« auch überraschend gut an einem Stück hören. Unterm Strich ist das Dokument einer zu früh geendeten Band unabdinglich für deren Anhänger und eine schöne Einführung für alle, die bislang nur teilweise bis gar nicht mit ihr vertraut waren.

LABEL: Angular Recordings

VERTRIEB: Alive

VÖ: 13.03.2009

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