»The Lobster« – Feature zum Filmrelease

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Er sucht sie: kurzsichtig, gefühlskalt, mit Neigung zum Nasenbluten. The Lobster erklärt, wie Liebe in Zeiten des Partnerschaftsfaschismus funktioniert. Der Film mit Colin Farrell und Rachel Weisz in den Hauptrollen erscheint jetzt auf DVD.

David hat sich für einen Hummer entschieden. Die leben mehr als hundert Jahre, sind blaublütig wie Aristokraten und bleiben ihr Leben lang zeugungsfähig. »An excellent choice«, meint die Chefin des Single-Resorts. Die Floskel gilt Davids zukünftiger Daseinsform, sollte er nicht innerhalb von 45 Tagen eine passende Partnerin gefunden haben. The Lobster spielt in einer dystopischen Parallelwelt, in der trotz aller Surrealismen gesellschaftliche Imperative unserer Zeit widerhallen. Sie erlaubt nur Paarbildungen, andernfalls droht die Verwandlung in ein Tier. Von Liebe ist nicht die Rede, von der romantischen schon gar nicht, aber auch das pragmatische Modell hat Haken: Zweisamkeit darf allein aus Übereinstimmung hervorgehen, etwa Kurzsichtigkeit, häufiges Nasenbluten oder Gefühlskälte. »Was ist Ihre herausragende Eigenschaft?«, ist daher eine naheliegende Frage.

David, den Colin Farrell mit anrührender Indifferenz spielt, bleibt nach einem schwer missglückten Paarbildungsversuch nur die Flucht in den Wald. Dort wird er von einer Loner-Gruppe aufgenommen, die sich dem Partnerschaftsfaschismus Guerilla-artig widersetzt – mit Loner-Faschismus, zu dem etwa eine »red kiss« genannte Verstümmelungsstrafe gehört.

Yorgos Lanthimos zählt zu den prominentesten Vertretern des nicht mehr ganz so neuen »neuen griechischen Kinos«. Inzwischen kennt man seine Tricks, die ganz ähnlich auch in Athina Rachel Tsangaris neuem Film Chevalier (ab 21. April im Kino) zu beobachten sind. (Verantwortlich dafür ist wohl der gemeinsame Drehbuchautor Efthymis Filippou.) Doch trotz gewisser Konsolidierungseffekte geht aus Lanthimos‘ hermetischen Herrschaftsanalysen immer ziemlich interessantes Körperkino hervor – eines, das weniger mit physischer Präsenz zu tun hat als mit seltsam mechanischem Bewegungstheater. Schön sind etwa die ungelenken, komplett autistischen Tänze der Loners. Oder der Moment, in dem sich der kurzsichtige David einer kurzsichtigen Frau zu den Klängen von »Where The Wild Roses Grow« erstmals unerlaubt annähert, beide mit eigenen Walkmen und Kopfhörern, aber doch im selben Takt.

The Lobster
GR, FRA, IRL, NL, UK 2015
Regie: Yorgos Lanthimos
Mit Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux u. a.

Dieser Beitrag erscheint wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 368. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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