»The Hey-Days of Polish cinema are back?!« – Nach dem Film Polska Festival: Quo vadis, polnisches Kino?

Foto: Hardkor Disko

Das polnische Kino – einst legendär, dann lange Brachland, heute, trotz großer Festivalerfolge, immer noch im Schlagschatten der heiligen Trias Kieślowski-Wajda-Polański. Wo war der polnische Film die ganzen vergangenen Jahre?

War es lediglich der Ignoranz des Publikums und der Verleiher geschuldet, dass der ehemalige Osten so stiefmütterlich behandelt wurde? Pawlikowskis Ida fand letztes Jahr schließlich nicht einmal 20.000 Besucher. Die späte Sühne kam schließlich mit dem Oscar, der den polnischen Film zurück in den internationalen Fokus rückte. Und das genau zur rechten Zeit. Denn auch bei der Eröffnungsfeier zum diesjährigen Film Polska wurde mit Stolz verkündet: »The Hey-Days of Polish cinema are back!«

In der Tat durchlief die polnische Kinematographie lange Zeit eine tiefe kreative Krise. Nachdem der Kommunismus und somit auch die staatliche Kontrolle der Kulturlandschaft abgeschafft wurden, rückte der polnische Film aufgrund ungewisser Strukturen an den Rand seiner Möglichkeiten. Vor allem finanziell: Im Jahr 2001 standen den Filmemachern beispielsweise insgesamt (!) nur sieben Millionen Zloty (umgerechnet circa zwei Millionen Euro) zur Verfügung (zum Vergleich: Ida allein hat diese Summe gekostet). Heimische Filmfestivals mussten ihr Programm zwischenzeitlich mit abgefilmten Theaterproduktionen füllen, aus Mangel an Alternativen. Der Markt wurde folglich überflutet mit billigen, flachen Komödien. Bis 2005 ein Gesetz eingeführt wurde, das das Sponsoring neu regulierte und mittels des dafür eingerichteten Polnischen Filminstituts fast 50 Millionen Euro jährlich bereit gestellt werden konnten.

Die Kreativlandschaft boomte, die Kritiker jubelten, das erhoffte Publikum im eigenen Land allerdings blieb weiterhin aus. Kaum ein Film schaffte den Sprung über die Grenze. Erst die Oscar-Nominierung 2012 für In Darkness von Agnieszka Holland, Ehrengast des Film Polska, konnte verloren gegangenes Vertrauen ins polnische Kino zurückgewinnen. Und allmählich machte sich der anspruchsvolle Film auch an den Kinokassen bemerkbar. Man kann durchaus von einer Renaissance sprechen.

Es ist eine Atmosphäre in der sich vor allem junge Wilde ihren Platz im internationalen Wettbewerb erobern wollen. Allen voran: Jan Komasa, der mit seinem zweiten Spielfilm Warschau 44 die ganz großen Geschütze auffährt – im wahrsten Wortsinn. Der Film ist ein visueller Bombast in Hollywood-Ästhetik, der die tragischen Ereignisse des Warschauer Aufstandes 1944 nachzeichnet, bei dem innerhalb von 63 Tagen 200.000 Menschen ums Leben kamen und 700.000 weitere flüchteten.

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Foto: Warschau 44

Komasas Protagonisten sind jung, patriotisch und ein bisschen zu schön, die Erzählweise pathetisch, die Bilder changieren zwischen Videospiel und Abercrombie&Fitch-Werbung. Doch mit den ersten umherfliegenden Leichenteilen schlägt der Ton radikal um, nimmt in seinen besten Momenten gar experimentell-surrealistische Züge an. Die Hoffnungslosigkeit wird immer drastischer, die Gewaltszenen expliziter, die Zuschauer drückt es immer tiefer in den Sessel. Am Ende verlassen alle völlig zermürbt den Saal. Reflexion? Zumindest zeigt Komasa großen Respekt vor dem historischen Material – weswegen er gleich einen zweiten Film zum Thema gedreht hat.

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Foto: Besucher beim diesjährigen Film Polska in Berlin / Polnisches Institut, Kasia Mazur

Der schlicht Warschauer Aufstand benannte ist das »erste Non-Fiction-Drama der Welt«. Aus den Trümmern gefischtes Archivmaterial, das den Aufstand dokumentiert hat, wurde hierfür aufwendig restauriert und koloriert. Den »Drama«-Rahmen steckt die fiktive Geschichte der Kameramänner, die das Gesehene aus dem Off kommentieren. Und auch den ursprünglich stummen Zeitzeugen wurde neues Leben eingehaucht, in dem man ihre Gespräche mit Lippenlesern rekonstruiert und sie neu synchronisiert hat. Zwar schrammt Komasa auch hier ausladend am Pathos entlang, dennoch ein äußerst sehenswertes Unterfangen.

Es geht aber auch eine Spur subtiler. Das bewies Gods, der glanzvolle Film von Łukasz Palkowski, ein Highlight des Festivals, der mit gleich sechs »Adlern«, dem wichtigsten polnischen Filmpreis, ausgezeichnet wurde. Er erzählt die auf Fakten beruhende Geschichte des Herzchirurgen Zbigniew Religa, punktgenau verkörpert durch Tomasz Kot, der 1985 erfolgreich die erste Herztransplantation in Polen ausführte. »Aber in unserem Land ist das Herz eine Reliquie!«, entrüstet sich an einer Stelle die Ehefrau eines sterbenskranken Patienten. Der Arzt erwidert nüchtern: »Und am Ende des Tages doch nur ein Muskel.« So verstrickt dieses Biopic fast beiläufig diverse Schwelbrände des spätkommunistischen Polens – religiöse Bigotterie etwa, oder die korrupten Machenschaften der Partei – ohne auch nur eine Minute zu langweilen. Bei alldem überraschend humorvoll, und in klinisch komponierten Kameraeinstellungen, zeigt Gods einen Mann zwischen seinen Dämonen, der für seine Ambitionen unbeirrt über Leichen ging – sprichwörtliche wie reelle.

Leichen gibt es auch bei einer bemerkenswerten Low-Budget-Produktion namens Hardkor Disko. Ein Mann in seinen Mittzwanzigern (Marcin Kowalczyk) fährt nach Warschau, um sich aus unbekannten Gründen an einer Upper-Middle-Class-Familie zu rächen. Doch ehe er seine Pläne realisiert, trifft er auf Ola (Jasmina Polak), die verzogene Tochter der Familie, der er in die Nacht, und somit in ihre Drogen- und Sexexzesse folgt. Irgendwo zwischen La Haine und Funny Games holt Krzysztof Skonieczny, bisher in Polen als gefeierter Musikvideo-Regisseur bekannt, in seinem Debüt mit minimalen Mitteln das Maximale aus seinen Bildern heraus – was manchmal sein größtes Manko ist. Dem Film wurde das Fehlen einer logischen Handlung vorgeworfen. Der Regisseur verneint, sie sei einfach nur gut versteckt. Das, was wir sehen, brennt sich auf die Retina, und das, was wir nicht sehen, hängt noch sehr lange nach. Der Oscar hat also die Tore geöffnet, Film Polska die Augen – nun müssen nur noch die Zuschauer folgen.

Tipp:
Hardkor Disko

11.06. Berlin – FSK Kino

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