The Heat Death „The Heat Death“ / Review

„Several years“ gegen die Schnelllebigkeit: The Heat Death sind eine kleine kanadische Gitarren-Super-Duper-Band und haben sich für ihr erstes Album sehr viel Zeit gelassen. Das ist eine gute Sache.

Jim Kilpatrick, besser bekannt als Shotgun Jimmie, ist der Typ, für den Fans ein Label gründen, nur, um Coverversionen seiner Songs herauszubringen und dafür up and coming kanadische Songwriter wie Jon McKiel oder etwas etabliertere wie The Burning Hell mobil machen. Die zucken natürlich keinen Moment mit der Wimper und spielen ihre Lieblingssongs von Shotgun Jimmie gleich ein. Kilpatrick ist auch der Typ, dem solch ein Tribut erst einmal eher unangenehm ist, der das fertige Album dann aber beim Schneeschaufeln in der Einfahrt auf dem Telefon hört und es doch ganz okay findet.

Nicht viele haben so viel Indie-Straßenglaubwürdigkeit wie Kilpatrick, der gerade in Brandon, Manitoba lebt und seinen Bachelor of Fine Arts an der Kunsthochschule beendet. Brandon liegt fernab der offensichtlichen Musik-Hubs Montréal oder Vancouver, ist mit ungefähr 51.000 Einwohnern ähnlich groß wie Schweinfurt. Es ist wie ein Tor zu den kanadischen Prairies. Und Kilpatrick ist auch der Typ, der, wenn er alle paar Jahre mit Band auf Tour geht, seine Truppe nicht aus den immer gleichen Leuten zusammenbaut, sondern den Nachwuchs einpackt – die sympathischen Jangle-Popper von Human Music aus dem „benachbarten“ Winnipeg zum Beispiel.

Seit ein paar Jahren schon macht Kilpatrick Musik mit José Contreras. Letzterer ist Sänger der Proto-Indie-Rockband By Divine Right aus Toronto, die seit etwa 25 Jahren versucht, Rock zu dekonstruieren. Die beiden nennen sich The Heat Death und ihr gleichnamiges Album erscheint jetzt in Eigenregie. Anstatt ein paar Songs zusammenzuklöppeln und sie schnell im Netz rauszuhauen, haben sich Contreras und Kilpatrick, laut Shotgun-Jimmie-Website „several years“ Zeit genommen.

ein kleines Statement gegen die Geschwindigkeit, mit der man heute seinen Kram unter die Leute bringen kann.

Die erste Single „I’m Already There, Sunshine“ erschien bereits im Januar 2017. Der Song läuft ungefähr sechseinhalb Minuten, im Video lassen sich Kilpatrick und Contreras in Slow-Motion per Einkaufswagen durch die Gegend schieben. The Heat Death sind ein kleines Statement gegen die Geschwindigkeit, mit der man heute seinen Kram unter die Leute bringen kann, und die Unmittelbarkeit, die uns das Netz-Zeitalter nahelegt. Drei Singles folgten letztens, verpackt in einem Video in der Ästhetik einer via VHS aufgezeichneten Late-Night-Show: „Blue Beard“, „You Know Who“ und „Master Of Emotion“.

Die Ballade „I’m Already There, Sunshine“ kratzt nur beinahe am Kitsch und ist vielleicht gerade deswegen so schön. „Blue Beard“ ist eines der feinsten soften Gitarrenstücke bisher in 2018 und „Master Of Emotion“ ist der Stampfer, den man von Shotgun Jimmie so kennt. Die drei Songs zurren ganz gut zusammen, was The Heat Death ist: ein Querschnitt durch Kilpatricks Songwriting, das catchy, zugänglich und völlig unprätentiös ist. Kilpatricks Musik strahlt immer etwas Grundpositives aus und ist manchmal nachdenklich, ohne depri zu sein.

Dennoch, der Fluchtpunkt von The Heat Death ist auch ein apokalyptischer. Übersetzt beschreibt das nichts anderes als den Wärmetod, auf den das Universum in irgendeiner fernen Zukunft zusteuert – angeblich. Zum Glück ist die Theorie der Thermodynamik, der dieses finale Stadium von schlichtweg Allem entspringt, selbst ihren Urhebern nicht ganz klar. Lustig: der Ursprung der Welt, also alles vor dem Urknall, ist bisher nicht final geklärt und das Ende auch nicht. Das veranlasst doch wieder zu Optimismus und dazwischen bleibt noch viel Zeit, um Kilpatricks Universum zu entdecken.

1 KOMMENTAR

  1. Auf Apple Music unter „The Heat Death“ irgendwas gefunden und angehört und mich gefragt, wann denn dieses Jazzgedudel aufhört und die Gitarren anfangen. Hat ein paar Minuten gedauert…

    Wenn Ihr schon nichts verlinkt, dann könntet Ihr wenigstens VÖ-Termine dick dazuschreiben. (Wobei mir der Sinn, in Online-Echtzeiten Reviews noch nicht erschienener Alben rauszuhauen, einfach nicht einleuchten will.)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.