Denn zum anderen und eigentlichen geht die Hauptfaszination von The Handmaid’s Tale nach wie vor von der geradezu unheimlichen Nähe ihrer Handlung zu aktuellen politischen Entwicklungen aus. Die Szenen, die in der Gegenwart von Gilead spielen, erzeugen noch einen vertrauten Thrill mit dem Gegensatz zwischen erkennbaren Schauplätzen und dystopischer Ortlosigkeit. Es sind die Rückblick-Sequenzen, die den Übergang aus der uns bekannten Gegenwart in die Welt der Atwoodschen Fiktion, den Weg in die Diktatur zeigen, die das Mark gefrieren lassen.

Es sind die Rückblick-Sequenzen, die den Übergang aus der uns bekannten Gegenwart in die Welt der Atwoodschen Fiktion, den Weg in die Diktatur zeigen, die das Mark gefrieren lassen.

Genau deshalb bereitet The Handmaid’s Tale im Gegensatz zum Zombie-Schlachten in The Walking Dead auch keine Zuschauerfreude im eigentlichen Sinn. Die subversiven Kräfte, auf die man hoffen könnte, sind – Spoiler – durch die gesamte Staffel hindurch noch zu disparat, um wirklich Mitfiebern zu veranlassen. Das Vergnügen, besser gesagt die Herausforderung besteht darin, hier die tatsächlich drückenden Thesen zur Gegenwart gestellt zu sehen: Wie konnte es soweit kommen, dass gut etablierte demokratische Institutionen von einer kleinen Gruppe religiöser Eiferer gesprengt wurden? Wie konnten sich auf einmal homophobe und misogyne Ansichten durchsetzen, die man über Jahrzehnte hinweg für endgültig überwunden hielt?

Viel schlimmer als jede Hinrichtung oder jede Sequenz, die in den verseuchten Strafkolonien spielt, sind deshalb solche, die etwa zeigen, wie ein lesbisches Paar bei der Ausreise aufgehalten wird: Ihre Heiratslizenz wird kurzerhand für null und nichtig erklärt. An anderer Stelle ist von einer Arztpraxis die Rede, die ihre Abtreibungs-Unterlagen nicht gelöscht hat. Und dass er die Fotos von sich und seinem Partner vom Schreibtisch entfernt, bewahrt einen schwulen Professor nicht davor, Opfer eines öffentlichen Lynchens zu werden. Dass unser Umgang mit Daten in Kombination mit gelebter Offenheit und Liberalität sich binnen weniger Jahre in einem diktatorischen Regime so böse rächen könnte, übertrifft tatsächlich jeden Zombie-Horror.