The Grand Budapest Hotel

The Grand Budapest Hotel
Ralph Fiennes, Tilda Swinton und Tony Revolori (v.r.) im Aufzug des Grand Budapest Hotels

Wes Anderson ließ sich mit seinem Eröffnungsfilm für die 64. Berlinale nicht lumpen: Sein The Grand Budapest Hotel brachte er als Weltpremiere in einer Riesengeschenkpackung mit. 

Wäre Wes Anderson als Komponist in diese Welt gekommen, man müsste Zeitreisende aus dem Barock bitten, ihn vom Fleck weg zu adoptieren und in ihre Allegretto-Schnörkelwelt zu entführen. Anderson dreht seine Filme wie Monster-Menuette, große Gesellschaftstänze rund um kleine, manierierte Motive. Mit viel Esprit und Spielfreude eröffnete sein achter Langfilm gestern die 64. internationalen Filmfestspiele in Berlin, welche bis zum 16. Februar laufen. The Grand Budapest Hotel ist die europäische Dandy-Variante eines Wes-Anderson-Werks und – empfindliche Nasen seien vorgewarnt – ziemlich stark parfümiert. 

Zweifach verschachtelt ineinander verpackt, lässt Anderson von Jude Law und F. Murray Abraham die Geschichte eines Erbschaftsstreits erzählen. Hauptakteure: ein Hotel-Concierge und sein Lobby Boy (Ralph Fiennes und Tony Revolori), jede Menge Marzipankonfekt, das Renaissancegemälde Boy With Apple und natürlich das titelgebende Grand Budapest Hotel selbst. Der Cast ist bis hin zu Fünf-Sekunden-Auftritten erstklassig (Harvey Keitel, Tilda Swinton, Bill Murray, Léa Seydoux, Jason Schwartzman …), Kulissen und Kostüme, Manieren und Sprechweise der Beteiligten – alles ist von ausgesuchter Raffinesse. 

Abgesehen von der Stadt, nach der das Hotel benannt ist (und die selbst gar keine Rolle spielt), tragen die Schauplätze erfundene Namen und haben höchstens zufällig Ähnlichkeit mit historischen Ereignissen. Die Handlung spielt in einem fantastisch zusammengestückelten Europa in den 1930er-Jahren, das Land heißt wie Vodka (Zubrowka), seine Wald-und-Berge-Welt wie ein exildeutscher Tanz (Sudetenwaltz), die Währung trägt einen Namen, der so ähnlich klingt wie Kubrick. The Grand Budapest Hotelfeiert die Auferstehung vergangener Glorie in einer erdichteten Vergangenheit, die laut Anderson maßgeblich vom Gesamtwerk des Wiener Schriftstellers und Paradedandys Stefan Zweig beeinflusst ist.

Schicksalstag ist der 19. Oktober 1932: Eine alte Geliebte des Concierge stirbt, zugleich bricht der Krieg aus – ein Krieg auf dem gesamten Kontinent, in dessen Verlauf das Hotel zur Kaserne degradiert wird, aber auch ein Krieg um das Erbe der alten, äußerst wohlhabenden Dame. Die nachfolgenden Wirren sind in mehrere Kapitel gegliedert und mit viel Schwung und Virtuosität orchestriert. Der Film lebt, typisch Anderson, in erster Linie von seiner Ausstattung, von der Liebe zum Detail und von dieser Art High-Society-Slapstick, bei dem es reicht, ein erstes Close-up auf Tilda Swintons faltenzerfurchtes Gesicht unter einem enormen weißen Beehive zu zeigen – und der halbe Saal liegt flach vor Lachen. 

Man kann sich Grand Budapest Hotel vorstellen wie ein Riesengeschenkpaket, so kunstfertig verpackt, über und über voll mit Rüschen und Schleifchen, dass man sich fast nicht traut, es aufzuschnüren. Natürlich tut man es doch – und findet: ein weiteres Paket, fast noch prächtiger aufgemacht als das erste. Und darin: noch eines! Das Spiel könnte ewig so weitergehen. Man packt immer weiter aus, und weil's so schön und bunt und kurzweilig ist, möchte man am Ende am liebsten alles wieder einpacken und genau dieselbe Zeremonie noch mal wiederholen, selbst wenn am Ende zwischen all den Bergen von Geschenkpapier gar nichts zu finden war. 

Es ist fast ärgerlich: Wes Anderson würde vermutlich sogar mit einer solchen Mogelpackung davonkommen. Aber – beim Sudetenwaltz'schen Teufel! – da steckt ja doch was drin. Und wenn es nur die kleine, tonnenschwere Weisheit sein sollte, dass die »preußische Grippe«, eine fatale Krankheit, die einst Millionen Menschen dahingerafft hat, heute innerhalb einer einzigen Woche geheilt werden kann. Ist der ganze Rest auch erstunken und erlogen, daran möchte man glauben. 

The Grand Budapest Hotel
Regie: Wes Anderson
Mit Ralph Fiennes, Tony Revolori, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric,
Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton,
Saoirse Ronan, Jason Schwartzman, Tilda Swinton, Léa Seydoux u.
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