The Go! Team / Ian Parton

Musikalisch klingen sie so Eigen wie kaum eine andere Band. Mit dem Debut-Album »Thunder, Lightning, Strike« entwickelte der britische Bedroom-Producer Ian Parton eine einzigartige Mischung aus Blaxploitation-Sounds, Noise-Rock sowie frühen Funk- und Hiphop-Elementen: Modern, energetisch und äußerst bunt klang dieses Album – um die Rechtefragen der zahllosen verwendeten Samples kümmerte sich Parton zunächst nicht; zum US-Release musste das Album komplett neu eingespielt werden.
    Heute besteht das Go! Team aus sechs gleichberechtigten Musikern, an dem zweiten Album »Proof of Youth« waren sie alle maßgeblich beteiligt. Auch die Zahl der verwendeten Samples wurde dadurch verringert, was allerdings nicht bedeutet, dass sich »Proof of Youth« deutlich vom Erstling unterscheidet. Vielmehr wurden mit Chuck D. (Public Enemy), Marina Ribatski (Bonde do Role) und dem Rappers Delight Club stilistisch unterschiedlichste Musiker gefunden, die auf Albumlänge wie Samples funktionieren. Ein Interview mit Ian Parton über musikalische Eigenständigkeit, die Arbeiten am neuen Album und den Erfolg via Internet.

IanPartonIn Zeiten, in denen Musik über digitale Vertriebskanäle wie Amazon oder soziale Netzwerke wie Last.fm immer mehr miteinander verknüpft und aufgrund musikalischer Ähnlichkeiten weiterempfohlen wird, ist man doch sicherlich auf der Suche nach Sounds, die einzigartig und originell sind. The Go! Team wäre ja eigentlich ein Paradebeispiel für diesen Ansatz. Würdest Du Dich als Modernisten bezeichnen?
    Ich denke, das hängt davon ab was die Definition eines Modernisten ist. Es ist sicherlich eines meiner Ziele, einen eigenständigen Sound zu entwickeln, und zwar als Erster! Ich bin ziemlich vom Stillstand der Indiebands frustriert, also denke ich viel über neue Wege nach, wie man Klänge miteinander kombinieren kann. 2007 sollte es das das Ziel eines jeden Musikers sein, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln etwas Eigenes, Wiedererkennbares zu schaffen.

Du würdest also auch sagen, dass Du ein Interesse daran hast, einen gewissen ›Signature Sound‹ zu kreieren. Eine Art Corporate Identity oder eine eigene Form der musikalischen Kommunikation?
    Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir einen »Signature Sound« haben. Es war mehr eine Entwicklung aus dem ersten Album, »Thunder, Lightning, Strike«, heraus. Ein Nebenprodukt, sozusagen. Oder etwas, das man ›Go! Team-esque‹ nennen könnte. Wir hatten zum Beispiel bei verschiedenen Werbespots den Eindruck, dass die darin verwendete Musik an unseren Sound erinnern könnte oder sollte. »Make it Go! Team-esque«, sozusagen. Das ist sicherlich nicht das Schlechteste was einem innerhalb eines Albums passieren kann. Aber ich denke wir haben einfach einen ganz guten Wiedererkennungseffekt.

Aber The Go! Team war doch nicht nur ein Zufallsprodukt. Die Musik klingt bei aller Lebhaftigkeit doch sehr konzeptionell. Wenn man mit Samples, Field-Recordings und eigens eingespielten Parts arbeitet und diese zusammenführt, dann hat man doch eine Idee wie das später klingen muss. Oder?!
    Ich persönlich wollte genau solche Musik hören. Ich mag die Kombination gegensätzlichster stile. Die Erfahrung positiver Adrenalinschübe machte ich bei den Filmmusiken der afroamerikanischen B-Movies durch: Diese Hi-Energy-Soundtracks zu den Verfolgungsjagden, die auf Dramatik hin ausgelegten Bläsersätze, der Fanfaren-Sound, das war für mich genau so aufregend wie aufheulende Gitarren und Feedbacks einerseits, oder die Art und Weise wie in Bollywood-Filmen die Saiten geschlagen werden andererseits. Wenn ich diese unterschiedlichen Stile gegenüber stelle, merke ich meist sehr schnell, ob es sich richtig und gut anfühlt.

Eure Musik erinnert ja auch stellenweise stark an Motown, jedenfalls an deren frühe R&B- und Pop-Produktionen. Berry Gordy hatte damals ja auch eine Art Veto-Recht, hatte eine gewisse Idee, wie die Musik seiner Künstler zu klingen hatte und nahm so auch starken Einfluss. Nicht nur auf den Aufnahmeprozess, sondern gleich auch auf das Songwriting bzw. die musikalische Ausrichtung. Nun seid ihr heute eine echte Band, die Grundlagen stammen aber von Dir. Gab es in den Anfangstagen des Go! Teams eine Art Richtlinie wo die Reise hingehen sollte?
    Nunja. Ich bin kein Egomane und ich glaube, Motown hatte ziemlich starre Regeln. Es war ja eine Art ›Hit-Making-Machine‹. Das Prinzip des Hits hatte ich aber nie wirklich auf dem Schirm. Es geht mir mehr um Catchyness, eingängige Momente festzuhalten, sie erlebbar zu machen. Gerade wenn das Ausgangsmaterial sehr unterschiedlich ist.

Ursprünglich kommst Du ja vom Dokumentarfilm. Das heißt, Du hattest durchaus Erfahrung im Umgang mit Ton und Bild, mit der atmosphärischen Bedeutung von Musik und letztendlich auch mit der Lizensierung. Und dann ist man plötzlich als Musiker in einer vergleichbaren Situation. Wie hilfreich oder wie kontraproduktiv ist dieses Wissen um Copyright und den Gebrauch des Samplings? Oder: wie angewiesen ist man als Filmemacher bzw. Musiker für das jeweilige ›Bild‹, auch die Freigabe zur Verwendung der ›passenden Musik‹ zu bekommen?
    Ich war damals nicht als Redakteur tätig, hatte also vordergründig nicht so viel mit der Lizenzierung von Musik zu tun. Bei unserer Musik geht es natürlich darum, wie man einzelne Elemente arrangiert, was man mit ihnen anstellt. Samples zu klären ist einfach ein Minenfeld. Viele Leute haben deshalb schon massive Probleme bekommen. Und deshalb versuche ich, die rechtliche Seite, den Papierkram nicht meine künstlerische Arbeit und meine Entscheidungen bestimmen zu lassen.

Deshalb hast Du Dich bei »Thunder, Lightning, Strike« für den anarchistischen Weg entschieden?

    Als die Platte vor drei Jahren erstmals erschien war da nichts geklärt! Bei »Thunder, Lightning, Strike« ging ich naiverweise davon aus, dass es keinen interessieren würde, was ich da genau tat oder welche Samples ich genau benutzte. Aber wenn man sich auf einem dermaßen kleinen Level bewegt und daraus auch keinen wirklichen monetären Nutzen zieht, dann passiert in den meisten Fällen schon nichts. Ich bin aber überzeugt davon, dass man an seine Sache glauben sollte. Bei »Proof of Youth« lief das allerdings ein wenig anders, durchdachter. Um ehrlich zu sein sind wir immer noch mit einigen offenen Rechtefragen beschäftigt. Ich bin mir mittlerweile ein wenig bewusster wie die Dinge laufen, womit man vielleicht auch davonkommt.

     Aber scheinbar hat sich der Songwriting- und Aufnahmeprozess ja schon verändert. Ihr arbeitet auf Proof of Youth mit recht vielen Gastvokalisten: Chuck D., Marina Ribatski, The Rappers Delight Club, Solex, The Double Dutch Divas. Das ist ja auch eine Art des Samplings.
    Ich war nie ein großer Freund einer einzigen Stimme. Also, dass man immer wieder dieselben »Elemente« auftauchen lässt. Ich mag Akzente, verschiedene Vortragsstile, meinetwegen auch gebrochenes Englisch. Deswegen war es auch toll, bei diesem zweiten Album die Möglichkeit zu haben und nach ›Samples‹ oder Leuten zu fragen, die wie Samples wirken. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass Chuck D. auf dem Album rappen müsse. Wir hatten ja schon etwas in der Hand, waren für den Mercury Music Prize nominiert, konnten Verkaufszahlen vorweisen.

Wie hat er Eure Musik kommentiert? Wie war seine Reaktion auf »Thunder, Lightning, Strike«?
    Er benutzte irgendwann das Wort ›Spirit‹. Er mochte es!

Wie muss ich mir eine Session mit Chuck D. vorstellen? Kam er nach Brighton oder London? Wohl kaum, oder?!
    Nein, es war wirklich dieses ganz klassische Internet-Ding: Ich habe ihm den Track per Email zugeschickt, er hat die Vocals in seinem New Yorker Studio eingesungen. Die habe ich dann wieder geschnitten und an den passenden Stellen eingefügt.

Wieviel Vertrauen muss man in solch eine Kollaboration investieren? Es ist ja nicht so, dass man Chuck D. anruft und sagt: »Hey, der Part gefällt mir nicht, das musst Du nochmal machen!«
    Das wäre auf keinen Fall gegangen! Seine Vocals habe ich mehr wie ein Sample behandelt. Es war so eine Art Trial & Error. Ich hörte mir die Samples an und überlegte mir, wie sie sich musikalisch manifestieren ließen.

Mit Marina von Bonde do Role lief es dann vermutlich ebenso …
    Nein, sie kam mit einigen Ihrer Texte bei uns im Studio in London vorbei. Manches war Portugiesisch, anderes Englisch. Ich war relativ schnell von der Idee angetan, für »Universal Speech« ihre Stimme mit der von Kaori (Tsuchida) zu paaren. Außerdem war ich mal auf Myspace über den Rappers Delight Club gestolpert, und ich fand den Gedanken, all diese verschiedenen Menschen und Sprachen in einem Song zu vereinen äußerst reizvoll.

TheGo!TeamEin weiterer Unterschied zu »Thunder, Lightning, Strike« ist doch auch die Produktion selbst. Ich habe ziemlich wilde Geschichten über die Demos für die erste Platte gehört: Analoge Aufnahme-Sessions in Deinem Elternhaus in Wales, die Garage als Produktionsraum, die Küche als Studio und deine Großmutter, die aus Versehen in die Aufnahmen platzte. Dein Bruder Gareth hat Dir damals ja viel geholfen. Wie sah das bei »Proof of Youth« aus?
    Dieses Mal war die Band stark in den Aufnahmeprozess involviert. Wir arbeiteten ungefähr sechs Monate lang an neuen Ideen, begannen auch damals schon mit den Aufnahmen. Das war ja erneut nur ein kleiner Proberaum, kein Studio. Da waren keine Produzenten dabei, wir haben die Mikrofonierung beispielsweise selbst gemacht. Gareth hat dann schlussendlich das Mixing gemacht, ich kann ihm da blind vertrauen, er weiß was mir gefällt. Manche der Stücke haben wir auf einer Kassette gemastert. Anderen haben wir nachträglich Verzerrungen hinzugefügt. Es gibt viele interessante Möglichkeiten den Sound abzufucken.

Einer der Common Grounds für Sonic Youth war es ja, sich keine musikalischen Grenzen aufzuerlegen, sich gehen zu lassen. Und natürlich vor allem den Sound abzufucken. Du bist ja recht stark von dieser Idee geprägt, gleichzeitig warst Du zuvor aber als Einzelperson für die Soundästhetik verantwortlich. Wie leicht oder schwer ist es denn, von Deiner Idee des Go! Team-Sounds abzurücken und nun stärker Band-orientiert zu arbeiten?
    Obwohl wir an »Proof of Youth« gemeinsam arbeiteten, fühle ich mich diesem Klang natürlich trotzdem am stärksten verbunden. Den anderen ist es einfach zu langweilig, sich stundenlang durch Vinyls zu hören, um nach diesen ganz bestimmten drei Sekunden zu suchen, die als Sample in einen neuen Track passen würden. Das ist also in etwa meine Aufgabe. Auf »Proof of Youth« findet man ja White Noise ebenso wie Easy Listening, Charlie Brown genau wie die Sesamstraße, Funk, Blaxploitation, frühen Hiphop. Dieser Clash of music ist es, was mich antreibt. Ich besitze so wahnsinnig viel Musik, ich probiere gerne und viel aus.

Aber Eure Musik lässt doch generell nicht viel Raum für Improvisation …
    Ich glaube, wenn wir einfach nur jammen würden, dann würde unsere Musik ganz anders und bestimmt nicht nach The Go! Team klingen.

Ihr habt ja auch recht viel ›on the fly‹ gearbeitet. Während der Japan-Tour hast Du mit Gareth MP3-Files ausgetauscht, immer mit einer gehörigen Zeitverschiebung. Ich tippe mal, dass die Kommunikation größtenteils über Email stattfand. Wie haben sich die Versprechungen der modernen Welt, des Internets, denn für Euch erfüllt? Wie verändert man sich als Musiker oder als Geschäftsmann?

    Computer sind ja heute ein essentieller Teil des Alltags. Auch das Internet kam unserem Musikentwurf nur entgegen. Lange bevor unser Album in den USA erschien waren unsere Konzerte ausverkauft. Wir waren Dank der Blogs und des Internets eine ›Buzz-Band‹. Ich hoffe es wirkt nicht so, aber ich hasse die Vorstellung, mit einem Computer, über ein Interface zu kommunizieren. Da geht etwas verloren, wenn man Musik nur über iTunes hört. Klar, wir haben dem Netz viel zu verdanken. Aber gleichzeitig sind wir natürlich wie jeder Künstler vom Filesharing betroffen. Das spüren wir zum Beispiel bei unserem Label, Memphis Industries, deren Betreiber schonmal panisch in die Zukunft blicken.

Darf ich Dich nach deiner musikalischen Initiation fragen? Du spielst ja offensichtlich nicht nur Gitarre, hast viele andere Instrumente selbst zu spielen gelernt.
    Ich war immer so eine Art LoFi-, Bedroom-Musiker. Gleichzeitig war ich recht frustriert davon, wie mit Musik umgegangen wird. Die vielen Scheuklappen: Die Hiphop-Kids sind die Hiphop-Kids und die Indie-Kides sind die Indie-Kids. Auf dem Glastonbury sehen sie ja alle gleich aus. Geschmacksfragen sind wirklich nichts für mich. Mein Anspruch ist ein universeller.

»Proof of Youth« erscheint am 07. September (Memphis Industries / Cooperative Music / Universal Music). Live spielen sie am 02. September in Rahmen des City Slang / Cooperative Music-Abends im Berliner Postbahnhof.

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