„The Florida Project“ – Filmfeature zum Kinostart

Zwei Engel sehen lila – Bria Vinaite und Brooklynn Kimberly Prince in The Florida Project
Zwei Engel sehen lila – Bria Vinaite und Brooklynn Kimberly Prince in The Florida Project

Sozialrealismus in Bonbonfarben: The Florida Project erzählt von einem missratenen Sommer, so wie ihn die sechsjährige Moonee sieht. Und plötzlich wird alles Eiscreme, Spielplatz, Magie.

„Ce-le-brate good times, come on! Let’s celebrate!“, singen Kool & The Gang fantastisch gelaunt zu geschwungenen Titeln auf lilafarbenem Grund. Sean Baker, US-amerikanischer Filmemacher und Geschichtenerzähler mit Blick auf gesellschaftliche Ränder (Pornodarstellerinnen, afro-amerikanische Transgender-Prostituierte; in SPEX No. 369 berichteten wir ausführlich über seinen Film Tangerine L.A.) positioniert sich mit dem einleitenden Gassenhauer emphatisch gegen den Miserabilismus des Sozialdramas. Und markiert gleichzeitig die populäre Agenda von The Florida Project.

Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) lebt mit ihrer jungen Mutter (Bria Vinaite) in einem billigen Motel unweit von Disney World in Orlando. Dabei kann der zauberhafte Name – The Magic Castle Motel – kaum darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um eine Bleibe für verarmte, wohnungslose Menschen handelt. Für den hinreißenden Rotzlöffel indes ist der „lila Ort“ mit seiner bunten, spielzeugähnlich gestalteten Nachbarschaft – die Geschäftsarchitektur imitiert Eistüten und Orangen, Straßen heißen Seven Dwarfs Lane, dazwischen finden sich Waffenläden – ein einziger Abenteuerspielplatz.

Mit ihren Freunden Scooty und Jancey im Schlepptau streift Moonee von früh bis spät durch die Gegend und stiftet zu jedem erdenklichen Quatsch an: Weitspuckwettbewerbe auf parkende Autos veranstalten, mit kruden Argumenten Geld für Eis erbetteln, die Stromversorgung der Wohnanlage lahmlegen, einer sich oben ohne sonnenden Bewohnerin „boobie!“ hinterherrufen, in leerstehenden Häusern zündeln. Der Motelmanager Bobby (William Dafoe) ist dauerbeschäftigt.

Mit der Kamera auf Blickhöhe der kleinen Strolche erzählt Baker konsequent aus Kindersicht. So wird Moonees prekärer Alltag, zu dem staatliche Essensausgaben, das Verkaufen von gefälschten Parfüms an die Gäste besserer Hotels und die gelegentliche Sexarbeit der Mutter zählen, mit derselben neugierigen und von moralisierenden Untertönen befreiten Haltung betrachtet wie ihre lustigen Streiche.

Baker arbeitet mit The Florida Project weiter an einer Neuausrichtung des Sozialrealismus: an einem Kino, das rhythmisch ist, schnell, witzig, bonbonfarben und humanistisch.

The Florida Project
USA 2017
Regie: Sean Baker
Mit Bria Vinaite, Brooklynn Kimberly Prince, Willem Dafoe u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features sowie dem großen Jahresrückblick 2017 in SPEX No. 378 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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