The Felice Brothers tauschen Songs gegen Brot

Schwarze Hüte, Mäntel, Hosen: Auf »Tonight At The Arizona« arbeiten sich The Felice Brothers wieder am uramerikanischen Songwriting zwischen Folk, Country und Dylan ab. Ohne Budget und Studio nahmen die früheren Straßenmusiker im Theater eines Summer Camps ihr viertes Album auf – unter widrigen Umständen und mit gestohlenem Strom.

»Wir hätten nie gedacht, dass jemals jemand unsere Platte hören würde!«, nuschelt Felice Brother Simone durchs Telefon, jedem Satz schiebt er ein kumpelhaftes »Man!« hinterher. »Alter!« Dann hört man am anderen Ende der Leitung ein lautes Knistern, darauf ein langes Pusten. Simone reicht Spliff und Telefon weiter. Sind ja schließlich noch fünf weitere Felice Brothers fürs Interview versammelt und die wollen natürlich alle mal »Hallo« sagen. »You're calling from Germany, man?! That's soooo cool, man!« Das will den Felice Brothers nicht in den Kopf, dass sie da einer aus Deutschland anruft. »Alter!«

TheFeliceBrothers
 
    Wie immer sind sie auf der Durchreise, mit ihrem ›Short Bus‹, einem klapprigen alten Schulbus. Damit gondeln die drei Brüder Ian, Simone, James und ihre drei weiteren Mitstreiter durch die Vereinigten Staaten. Es ist das Zuhause der Band, was insofern schwierig ist, weil zum Schlafen nur Platz für vier im Bus ist. Zwei müssen immer unter freiem Himmel nächtigen. Gerade machen die Brüder Station in Nashville, Tennessee. Wie das Handy der Plattenfirma in den Bus gekommen ist, bleibt ein Rätsel.

    Ein Felice Brother, der sich »The Searcher« nennt schnappt sich das Telefon und erzählt davon wie die Platte aufgenommen wurde. In einem ›Shakespeare Theater‹ eines Summer Camps war das, »Jaja, Alter«. Strom gab's da nicht, den mussten sie sich vom Nachbarhaus abzapfen. Und als der Strom bei »Hey, hey Revolver« kurz mal ausfiel, weil der Blitz einschlug, wurde einfach weitergespielt, als sei nichts gewesen. Auf der Aufnahme hört man dann auch den Donner, der dem Blitz folgt. »Wir konnten uns kein Studio leisten«, erzählt der Searcher. »Weißt du, Alter, wir sind Straßenmusiker. Wir tauschen Songs gegen Brot. Unsere Bühne ist eigentlich die Fußgängerzone.«


VIDEO: The Felice Brothers – Roll On Arte
    Eine Zeit lang haben sich die Felice Brothers in New York verdingt, vor allem unten im Subway 14th Street / Union Square, der Platz der Welt mit der wohl größten Dichte an verkannten Künstlern. Geblieben ist ihnen aus dieser Zeit ihr typischer Look: Schwarze Hüte, schwarze Mäntel, schwarze Hosen. Die Felice Brothers nennen das ihren ganz persönlichen »Gangster Style«, er erinnert aber auch an das Outfit von The Band. Das kommt nicht von ungefähr. Mit The Band gibt es viele Gemeinsamkeiten: Auch die Felice Brothers kommen ursprünglich aus Upstate New York, wie The Band auch aus dem Hudson Valley, deshalb bezeichnen sie sich auch gerne als »Hudson River Piraten«.

    Musikalisch liegen die Brüder mit The Band ohnehin auf einer Wellenlänge. Sie pflegen den gleichen »loose feel«, der wie live von der Veranda gespielt klingt. Auch der direkte Vergleich mit Altmeister Dylan bleibt da nicht aus: »Ihr klingt doch wie Dylan«, das kommt den Felice Brothers andauernd unter. Auf einem Song wie »Rockefeller Druglaw Blues« stimmt das auch. So brabbelig-schief darf eigentlich nur einer seine Songs intonieren. Sie als Dylan Coverband zu reduzieren wäre aber unpassend. Die Felice Brothers machen keinen Hehl aus ihrer Verehrung für Dylan, im Bandbus läuft aber eher Stevie Wonder, Wu-Tang Clan und Randy Newman. Und Dylan würde wohl auch nie solche Zeilen singen wie die im Refrain von »Ballad Of Lou The Welterweight«: »Powder your nose, take off your pantyhose, let me take you from behind, my daaaaaarling«, heißt es da. Und das meinen die vollkommen ernst!

    Da meldet sich der Searcher wieder zu Wort. Er will noch die Geschichte mit seinem Namen erklären. Eigentlich seien sie ja alle auf der Suche, das sei ja überhaupt das Geheimnis dieser Band. Und dann kommt die Geschichte vom »Snake Belt« und die geht so: »Weißt du, Alter, vor 75 Jahren, da waren ich und meine Brüder hier mal in einem Puff und wurden von Nutten verführt. Als wir des Morgens aufwachten, waren unsere ›Snake Belts‹ weg. Seitdem klappern wir die Lande danach ab. That keeps us going MAN!!«
    Es handelt sich hierbei um eine Vision, die den Felice Brothers während einer längeren Hungerperiode kam. Damit ist das Gespräch dann auch beendet. Die Felice Brothers müssen weiter. Nach dem Snake Belt suchen.

»Tonight At The Arizona« von The Felice Brothers ist bereits erschienen (Loose Music / V2 Records / Universal Music).

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