The Fantômas Melvins Big Band

Es ist unüberhörbar, dass John Zorn eines der großen Vorbilder von Mike Patton ist. Die künstlerische Liaison zwischen den beiden Musikern reicht weit zurück – Zorn produzierte 1991 Mr. Bungles selbstbetiteltes Debüt-Album und erlaubte Patton einen aufschlussreichen Einblick in seine musikalische Agenda. Das Schüler-Meister Verhältnis hinterließ Spuren: Erste Duo-Konzerte folgten, schließlich veröffentlichte Patton zwei Soloalben auf John Zorns populärem Tzadik Label. Während »Pranzo Oltranzista« in Anlehnung an Luigi Russolo eine Art futuristisches Kochbuch darstellen sollte – Kochsounds mit inbegriffen – verewigte sich Patton mit dem Vorgänger »Adult Themes For Voice« als virtuoser Stimmakrobat.

     Zusammen mit Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo, Mr. Bungle-Bassist Trevor Dunn und Buzz Osborne von den Melvins gründete der ehemalige Faith No More-Frontmann 1999 das Projekt Fantômas und begab sich schließlich aus dem Dunstkreis der Avantgarde heraus. Nicht um minder experimentelle Musik zu spielen, sondern um diese einem Publikum zu präsentieren, das mit avantgardistischen Kompositionspraktiken bislang nur wenig in Berührung gekommen sein dürfte. Dieser missionarische Habitus ist ein wichtiges Markenzeichen von Mike Patton – seine zahlreichen Veröffentlichungen und Kollaborationen, u.a. mit Merzbow, Björk oder Kid 606, besitzen nicht nur großen Unterhaltungswert, sondern stellen erfrischende Einführungen in der Welt der experimentellen Musik dar. Dabei wäre es allerdings wünschenswert, wenn sich Patton nicht so offensichtlich auf John Zorn berufen würde, der mit Naked City bereits Jahre zuvor das Vokabular entwickelt hat, mit dem Patton heutzutage formuliert: Wilde Juxtapositionen, unberechenbare Stil- und Genrevermischungen, Zitate aus Film und Fernsehen, verrückte rhythmische Konstruktionen und absurde Stimmungswechsel – von den vokalen Attacken des Boredoms-Sängers Yamataka Eye mal ganz zu schweigen.

     Trotzdem besitzen Fantômas einen eigenen Charme, der diesmal nicht nur zu hören, sondern auf der DVD »The Fantômas Melvins Big Band«, die einen Konzertmitschnitt aus dem Londoner Kentish Town Forum dokumentiert, eindrucksvoll zu sehen ist. Die DVD präsentiert sowohl Stücke aus dem gemeinsamen Album »Millennium Monsterwork«, als auch einen Überblick über das umfangreiche Œuvre von Fantômas – auch einige Melvins-Kompositionen fehlen hier nicht. Wie der Titel bereits erahnen lässt, wurde das Line-up der Band erweitert. Die Melvins treten vollständig in Erscheinung – folglich musizieren Fantômas mit zwei Schlagzeugern – und werden zudem noch von dem Klangtüftler David Scott Stone ergänzt. Stone stellt dabei ein selbstgebautes Instrument vor, den ›Electric Long Thin Wire‹, ein mit Piezzo-Mikrofonen versehener Draht, der an einen Verstärker gekoppelt ist und durch heftige Bewegungen kräftige Störgeräusche produziert.

     Stones amüsante Vorstellung verbindet zwei unterschiedliche Kompositionen miteinander – das vom Debüt entnommene Stück »Page 3« und die darauf folgende dreckige Rocknummer »The Bit«. Genau diese stilistische Diskrepanz verdeutlicht das Problem von Fantômas, denn ihre Stärken liegen eindeutig nicht in der dem Stoner Rock entlehnten Heavyness. Wenn Fantômas gewöhnlich rocken, klingen sie sofort furchtbar langweilig. Ihre Kompetenz verdeutlicht sich in den experimentellen Stücken. Ob diese letztendlich originell sind, spielt dabei keine Rolle. Es ist vielmehr faszinierend zu beobachten, wie Patton seine Musik auf die Bühne bringt und seine Mitstreiter dabei eisern im Griff hat. Wie in einem Boxkampf attackiert er seine Instrumentalisten, wirft ihnen Zeichen zu und gibt ihnen zu verstehen, wann sie zu schweigen haben. Exemplarisch hierfür ist das Stück »Page 14«: Eine aufgeregte Gitarre wird von Mike Pattons verhallenden Schreien begleitet. Schließlich setzen sanfte Perkussionsklänge ein, die für gefühlte zehn Minuten einen Rhythmus unterlegen, der sich auf kein metrisches Schema zurückführen lässt und endlich von plötzlichen Kakophonien unterbrochen wird. Ein starkes Stück, das nicht nur die spielerische Raffinesse von Patton & Co. zeigt, sondern auch die beklemmend-bizarre Atmosphäre des Debüts imposant in Szene setzt. So macht zuhören und zusehen Spaß.

LABEL: Ipecac

VERTRIEB: Soulfood

VÖ: 17.10.2008

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