The Fall Your Future Our Clutter

Auf dem neuen The Fall-Album Your Future Our Clutter löst Mark E. Smith den Song auf, er sprechsingt unverständlich, er zerstört Strukturen.

Dax: Mark E. Smith altert zwar schneller, als einem lieb ist – er sieht aus, als sei er ein 62-jähriger Alkoholiker, dabei ist er erst 52 –, aber seine Veröffentlichungen sind in letzter Zeit von radikaler Qualität. Sein neues Album »Your Future Our Clutter« reiht sich bruchlos ein in die alle Konventionen hinter sich lassenden, kryptisch betitelten letzten zwei Alben »Reformation Post TLC« und »Imperial Wax Solvent«. Neun Songs finden sich auf dem neuen Werk, und ihre Gemeinsamkeit ist: Smith löst den Song auf, er sprechsingt unverständlich, er zerstört Strukturen. Zerstörung im Wortsinne, perfekt nachvollziehbar vor allem in zwei der neuen Songs. Erstens »Weather Report« und zweitens »Bury«. Die wirken in ihrer Formauflösung wie Zwillinge. Während »Bury« so dumpf beginnt, als würde man den Song durch eine Wand hören, und sich dann zu einem veritablen Stück Punkrock entwickelt (als hätte jemand die Tür aufgemacht), verhält es sich bei »Weather Report« genau umgekehrt: Hier beginnt der Song für späte Fall-Verhältnisse geradezu aufgeräumt, um dann in einer stehenden Bassfläche steckenzubleiben, über die Mark E. Smith alleinstehende Sätze spricht. Dermaßen rücksichtslos, auch im Hinblick auf die Unverständlichkeit genuschelter Texte, arbeiten heute die wenigsten Bands. Alleine dafür gebührt Mark E. Smith, dem Unverwüstlichen, Respekt.

Dubro: Die Zerstörung ist das eine, die Wiederholung das andere wichtige Prinzip des Albums. Bereits 1978 prophezeite Mark E. Smith: »We’ve repetition in the music and we’re never going to lose it«. Die Textzeile stammt aus dem Song »Repetition« von der ersten Fall-EP »Bingo-Master’s Break Out!« und beschrieb schon damals treffend den Sound dieser Band, die ihre unbändige, hypnotische Energie aus den sich minutenlang wiederholenden, simplen Punk-Riffs und Akkordfolgen bezog. Daran hat sich 32 Jahre später nichts geändert. Noch immer brodelt es in Songs wie »Chino« und »Hot Cake«, wenn in unerbittlichen Schleifen laufende E-Gitarrenriffs auf einen monoton rumpelnden Rhythmus und Smiths manisch predigenden Sprechgesang treffen. Seine Stimme verfügt dabei über die Rotzigkeit eines rebellierenden Teenagers und ist auf »Your Future Our Clutter« neben dem radikalen Sound die zweite Antithese zu Smiths verbrauchtem Äußeren.

Krämer: Rebellierender Teenager, das trifft es. Das Album ist von einer geradezu pubertären Unverfrorenheit, besonders dann, wenn Smith nach Iggy klingt, und zwar so, als könne man dem Frontmann der wiedervereinten Stooges tatsächlich noch seine Haltung abnehmen, statt sie lediglich als Zitatenshow zu goutieren. Smith hingegen ist es mit seiner gelebten, autodestruktiven Antihaltung ernst, und er lehrt die ihrem Alter nach pubertierenden, möglicherweise titelgebenden Zukunftsträger das Fürchten. Manches, wie der fixe Tex-Mex-Marsch »Cowboy George«, scheint da auch nur reine Stilübung zu sein, aus ›Spaß an der Freude‹ – auch so was typisch Pubertäres, der helle Bruder der scheinbar grundlosen, hormongetriebenen ›Teenage Angst‹. Aber aus »Weather Report« spricht zum Grande Finale ein selbstbewusster Weltekel, der die Kraft hat, einen neuen Generationenkonflikt auszulösen. »Nobody ever called me Sir«, vermeldet Smith mit aufrechtem Sarkasmus in der Stimme, bekennt sich zu unhippen TV-Serien-Klassikern (»Murder She Wrote«, hierzulande bekannt als »Mord ist ihr Hobby«) und proklamiert schließlich sein Recht auf Rock’n’Roll. Es gibt keinen Grund, Sir Mark Edward Smith in diesem Punkt zu widersprechen.

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