The Drink »Capital« / Review

Die drei Londoner mühen sich weiter daran ab, Ideen für sechs Alben plus eine eventuelle Reunion in rund 45 Minuten Spielzeit zu pressen. Capital wirkt entsprechend atemlos.

Die bittere Wahrheit zu Beginn: Trotz des eindeutigen Namens ist es unwahrscheinlich, dass sich The Drink vor, nach und während jeder Session gepflegt einen reinstellen. Die drei Briten mit dem wunderschön unpassenden Balls-to-the-wall-Namen (Hand auf’s Herz: man denkt an Suff-Rock mit tief hängenden Gitarren und hässlichen Typen) sind nämlich zwei Mucker und eine Muckerin wie aus dem Lehrbuch. Schon auf ihrem letztjährigen Debüt Company bewegten sich Instrumente und Bandethos gefühlt im Umfeld des obersten (geschlossenen) Hemdknopfs. The Drink spielten Komplikations-Pop, zu dem Frontfrau und Gitarristin Dearbhla Minogue halb-atonale Gitarrenlinien und ein Falsett jenseits der medizinischen Bedenklichkeit beisteuerte. Ganz schön, aber eben auch ganz schön bemüht.

Daran hat sich auf ihrem Zweitwerk Capital erst einmal nichts geändert. Es ist eher noch schlimmer geworden: The Drink sind eine technisch noch bessere Band als im Vorjahr. Die Songstrukturen sind wieder verworrener, man denkt bei der Dramaturgie eines Großteils der zehn Songs an eine aktualisierte und psychedelisierte Version des Frickel-Pops eines jungen David Byrne – ohne die Selbstironie. Man könnte resümieren: Pop-affine Musiklehrer und »Die sind echt gute Musiker«-Sager wird Capital zweifelsohne glücklich machen.

Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Zwar mühen sich die drei Londoner weiter daran ab, Ideen für sechs Alben plus eine eventuelle Reunion in rund 45 Minuten Spielzeit zu pressen. Das ist natürlich selten eine gute Idee – Capital wirkt entsprechend atemlos, man hat kaum Zeit, eine gelungene Stelle zu verarbeiten, ehe man von drei weiteren Ansätzen überfallen wird. Dennoch können die Londoner etwas, was nicht viele können: technische Versiertheit in Schönheit übersetzen und damit vernünftige Popsongs schreiben. Wenn die Band einmal zum Punkt kommt, dann sitzt dieser. So beispielsweise im Opener »Like A River« oder mittendrin bei »Roller«: Beide Songs halten wunderschön fließende Refrains ohne viel Schnickschnack bereit – wie übrigens fast jeder Song an irgendeiner Stelle. Bleibt zu hoffen, dass The Drink sich in Zukunft öfter trauen, auch mal als mittelmäßige Musiker dazustehen. Und sich auch mal einen reinzustellen.

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