The Districts – Nur der Moment

Ist das jetzt die Wiedergeburt des Slackers? An einem Mittwochabend haben sich im Londoner Hoxton Bar & Kitchen haufenweise junge Leute um die 20 eingefunden, die überwiegend aussehen wie potenzielle Protagonisten einer eventuellen Fortsetzung von Richard Linklaters bekannter Neunzigerjahrestudie. Fettige Haare, Labbrig-ausgebeulte, in die Strümpfe gesteckte Stoffhosen, durchgelatschte Adidas-Spezials, abgewetzte Flanellhemden und speckige Rucksäcke. Vor allem letzteres: überall und auf jedem zweiten Rücken Rucksäcke.

Anlass der bizarren Retro-Versammlung ist ein Konzert der amerikanischen Band The Districts. Seit ihrem Auftritt beim letztjährigen South-by-Southwest-Festival hat sich um die Truppe ein veritabler Hype entwickelt, dessen vorläufiges Zentrum wie so oft die englische Hauptstadt ist. Aber Achtung, bevor Sie jetzt in wehmütigen Gedanken an die jungen Strokes weiterlesen: cool ist hier niemand, falls das eine Rolle spielen sollte. Im Gegenteil: Wir treffen die mit Flaumbärten und ähnlich wie die Kids vor der Halle ausgestatteten 19- bis 20-Jährigen einige Stunden vor der Show. Absolut nichts an ihnen deutet darauf hin, dass man es hier mit den interessantesten neuen Vertretern der amerikanischen Rockmusik zu tun haben könnte. Viel unscheinbarer, unglamouröser als Braden Lawrence, Connor Jacobus, Pat Cassidy und Rob Grote kann man nicht aussehen.

Sie erzählen die alte Geschichte: aufgewachsen in Lititz, Pennsylvania. Unscheinbares Kaff, Kühe, Bauernhöfe, 9.000 Einwohner. Die Eltern eher Mittelklasse, daheim im Plattenschrank stehen Alben der Beatles, von Tom Petty, Grateful Dead, CCR. Solchermaßen sozialisiert, wurden die späteren Districts zur Außenseiterclique, die sich weder für Sport noch HipHop interessierte und vor allem eins wollte: raus aus der Provinz.

Das eigentlich Interessante passiert einige Stunden später: Die Districts betreten die Bühne und direkt vor unseren Augen vollzieht sich eine beeindruckende Wandlung. Mit dem ersten Akkord werden aus den unscheinbaren Normalos besessene Derwische. Es ist natürlich der Ur-Mythos des Rock’n’Roll, der hier auf beeindruckende Weise zum Leben erweckt wird: Der unscheinbare pickelige Außenseiter morpht mittels Gitarre in eine vermeitlich andere Daseinsform. Tatsächlich spielen die Districts eine derart ungestüme, hochmelodiöse, clevere und mitreißende Rockmusik, dass die Antwort auf die Frage, ob hier irgendwas neu sei – natürlich nicht! –, absolut keine Rolle spielt. Musik, die den Strokes genauso viel verdankt wie Hamilton Leithausers Band The Walkmen oder auch Spoon, die vom Gestern genauso so zehrt wie vom Heute, die lebendig ist und frisch.

The Districts wohnen mittlerweile in Philadelphia, haben einen Vertrag bei Fat Possum, dem Label der Black Keys und Temples, und soeben mit A Flourish And A Spoil nach zwei EPs und einer selbstfinanzierten LP die erste »richtige« Sammlung der für sie typischen Provinz- und Verlierergeschichten veröffentlicht. »Ich mag das Stadium, in dem wir uns gerade befinden« sagt Sänger Grote. »Keiner kann sagen, was die Zukunft bringt. Entweder bricht alles wieder zusammen – oder es geht immer so weiter. Irgendwie gefällt mir dieser Schwebezustand, diese Unsicherheit.« Manchmal zählt im Pop eben immer noch nur der Moment.

The Districts live
11.04. Köln – Luxor
13.04. Hamburg – Uebel & Gefährlich
16.04. Berlin – Lido
17.04. Wien – B72
18.04. München – Strom
23.04. Frankfurt – Zoom

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 359 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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