The Deuce – Unsittengemälde / Feature / Serie ab heute auf DVD

David Simons neuester Serienroman zeichnet wie schon The Wire ein detailreiches Sittengemälde – allerdings diesmal im New York City der Siebziger, zwischen pimps, girls und mobsters. Heute erscheint The Deuce auch auf DVD – und unser Feature aus SPEX No. 376 in voller Länge online.

Nach dem Geschäft mit dem Stoff kommt das mit der nackten Haut. In seiner Serie The Wire zeichnete David Simon anhand des Drogenhandels ein Gesellschaftspanorama der USA in den Nullerjahren, das man in diesem Detailreichtum vorher nicht gesehen hatte. Jetzt knöpft er sich die Siebziger und die schnellen Dollars mit Sex und Porno vor. The Deuce zeigt ein dreckiges, nacktes New York. Und James Franco und Maggie Gyllenhaal, die sich zwischen pimps, girls und mobsters in Szene setzen.

Die Idee klingt wie der Traum eines Programmchefs, der glaubt, dass sich Prestige-TV am besten mit Sex verkaufen lässt: eine Serie über die schmutzigen Jahre des New Yorker Times Square. Schon setzt sich im Kopf die Titelsequenz zusammen: körnige Aufnahmen mit Müllsäcken auf den Straßen, Leuchtreklamen für Pornokinos, Lederminiröcken und natürlich Schnauzbärten, was das Zeug hält. Wenn dann noch ein Autor wie David Simon für das Projekt gewonnen wird, der Erfinder der TV-Serie als Gesellschaftsroman, was soll da noch schief gehen?

Die Ankündigung von The Deuce vor zwei Jahren war förmlich Balsam für alle, die die zweite Staffel von True Detective als gebrannte Kinder hinterlassen hatte. Gibt doch die Transformation des Times Square und der 42nd Street von einer anrüchigen Schmuddelecke Anfang der Siebzigerjahre zur sterilen Touristenmeile heute in ihrem Zusammenwirken von Stadtplanung und verbrecherischer Energie ein hervorragendes US-amerikanisches Sittengemälde ab. David Simons Bemerkungen über Kapitalismus, Warencharakter und Arbeit, die sich in der Pornobranche spiegeln, taten ihr Übriges, um die Erwartungen an The Deuce weiter steigen zu lassen.

Große Erwartungen verwandeln sich allerdings allzu leicht in kleine Enttäuschungen. Im Fall von The Deuce fangen sie mit der Titelsequenz an, die fast zu sehr den vorab gemachten Vorstellungen entspricht, und enden mit der Klage, dass die acht Folgen der ersten Staffel gerade erst die Basis schaffen, um die versprochenen sozio-ökonomischen Dynamiken abzubilden. Andererseits gibt es nichts Öderes, als Popkulturphänomene an ihren vorab generierten Erwartungen zu messen, und das Überangebot in der Ära von peak TV mag auch eine Rolle spielen bei schnell aufkommender Unzufriedenheit. Deshalb: Die Zweifel an den Zweifeln einbeziehend, gibt es an The Deuce doch einiges zu loben.

Niemand achtet darauf, wie brutal Zuhälter Reggie seine Mädchen behandelt – bis es eines Tages doch einer tut.

Da wäre etwa die Meisterschaft, mit der es David Simon und seinen Koautoren gelingt, ähnlich wie in seiner epochalen Serie The Wire erneut ein Relief von Figuren zu entwerfen, das zwanglos und doch komplex sehr verschiedene Aspekte eines Milieus abdeckt. Der Titel The Deuce bezieht sich auf einen Spitznamen der 42nd Street, deren Ende zum Times Square hin zum Straßenstrich verkommen war. An zwei Orten bringt die Serie ihre Figuren wieder und wieder in schöner Beiläufigkeit zusammen: in einem Diner, in dem in den Morgenstunden über Kaffee, Speck und Eiern die Zuhälter mit ihren Prostituierten abrechnen, und in einer von Vince Martino betriebenen Bar, in der ganz Manhattan vorbeischaut, von Schwulen über wise guys bis hin zu Polizisten, Biedermännern und abenteuerhungrigen Neuankömmlingen. Weil Simon alles andere als ein banaler Autor ist, dienen diese Schauplätze weniger dazu, einzelne Figuren über das Tun der anderen zu informieren, als dass sie vielmehr die Atmosphäre gesellschaftlicher Ignoranz und Gleichgültigkeit insgesamt abbilden. Tatsächlich achtet niemand so recht darauf, wie brutal etwa Zuhälter Reggie seine Mädchen behandelt – bis es eines Tages doch einer tut.

Das Schöne am reichhaltigen Ensemble der Figuren ist, dass ihre Gewichtung sich von Folge zu Folge verschiebt. Zwar bildet der von James Franco gespielte Vince Martino eine Art Angelpunkt, aber das persönliche Drama um seine Scheidung und seinen – überflüssigerweise ebenfalls von Franco verkörperten – bei der Mafia verschuldeten Zwillingsbruder Frankie geht bald unter im Strom der großen Geschichte (was allerdings auch an Francos wenig überzeugender Darbietung liegen mag). Zur Hauptprotagonistin wird dagegen nach und nach die von Maggie Gyllenhaal gespielte Prostituierte Candy, die sich in der aufkommenden Pornofilmindustrie trotzig eine neue Karriere erkämpft.

In den großen Erzählbogen – die 1971 einsetzende Liberalisierung der Sitten und die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten, mit Sex als Ware in verschiedenen Formen Geschäfte zu machen – fügen die Serienautoren eine Vielzahl an komplementären Einzelschicksalen ein: das Girl aus Minnesota, das vom New Yorker Busbahnhof weg für den Strich angeworben wird; der schwarze Polizist, der seine Instrumentalisierung durch korrupte Vorgesetzte für stadtplanerische Zwecke begreift; die Journalistin, die ihre Chance auf eine große Story wittert; der brave Mann vom Bau, der im Bordellbusiness neue Seiten an sich entdeckt. Zeitkolorit wird dabei nicht nur über Ausstattung (Wählscheibentelefone!), Kostüme und besagte Schnauzbärte generiert, sondern auch über die wechselnden Leuchtreklamen für Filme wie Mondo Trasho und The Omega Man oder den Mafioso, der Mario Puzos The Godfather liest.

Man hört zwar dem geschliffenen Fluss der Dialoge an, dass die Schreiber mehr Spaß am Idiom der Zuhälter hatten als etwa an der prekären Frauensolidarität zwischen den Prostituierten. Aber bei der Inszenierung der Sex- und Gewaltakte wird ein neues Bemühen spürbar, sie nicht voyeuristisch einzusetzen. Die Klage darüber, dass die ganze erste Staffel von The Deuce wie eine achtstündige Pilotfolge daherkommt, verwandelt sich so gesehen in ein Versprechen: Die zweite Staffel könnte verdammt gut werden.

Dieser Text erschien ursprünglich in unserer Printausgabe SPEX No. 376, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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