The Cult: Die Stärke eines Mannes, die Weiblichkeit einer Frau.

Spex präsentiert das einzige Deutschlandkonzert von The Cult am 06. März in der Live Music Hall in Köln. Ja, genau, jene Band um Sänger Ian Astbury, der einst 1986 Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen (unter dem Pseudonym Justiz Justizen) ein legendäres Interview in SPEX gab. Zuletzt fielen The Cult allerdings durch Bandauflösungen und die Rücknahme von Bandauflösungen auf – während Astbury als wiederauferstandener Jim Morrison bei den Riders On The Storm Doors-Klassiker heulte. Aber seien wir nicht zu gemein: Das letzte Album von The Cult, »Born Into This«, ist so gut wie das geniale Cover der Platte.

 

The Cult
The Cult: Ian Astbury (links) gründete The Cult 1981 unter dem Namen The Southern Death Cult. Drei Jahre später tat er sich mit Billy Duffy (rechts), Jamie Stewart und Raymond Taylor Smith als Death Cult zusammen.
(Foto: © Roadrunner Records / Promo)

Guten Tag, Ian, seit Deinem …
    … Rock – AND – Roll. Fühl Dich wie zuhause! Wenn Du dich fragst, weshalb ich meine Interviews in diesem Luxushotel gebe, obwohl ich gleich hier um die Ecke lebe: ich habe gerade Besuch. Die Küche ist leider besetzt. In der Küche aber finden die besten Gespräche statt. Oder in Luxushotels.

… seit Deinem letzten Comeback sind schon wieder etliche Jahre vergangen. Mit Deiner Band The Cult standest Du für Rock in seiner maskulinsten Ausprägung. Hast Du dich in diesem Sinne als eine Art Avantgarde verstanden?
    Avantgarde? Das Wort habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Avantgarde heißt doch, dass man erst nach seinem Tod den Respekt erfährt, der einem gebührt…

So wie Jim Morrison, dessen Rolle Du als Sänger der Cover-Band »The Doors Of The 21st Century« zuletzt spieltest? Die Band musste sich nach einer Klage der Eltern Jim Morrisons in »Riders On The Storm« umbenennen …
    Ich glaube, dass es im Leben darum geht, die eine Frau im Leben zu finden. Weißt Du: Die eine Frau, die einen auch versteht. Wenn Du die Sache von diesem Blickwinkel aus betrachtest, fällt die Theorie mit der Avantgarde und dem maskulinen Auftreten in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Zum Rock gehört nun einmal die Show, und ich bin ein Showman.

Du meinst: Der Rockstar täte gut daran, Erfolg nicht mit Liebe zu verwechseln?
    Das ist die erste Lektion. Ich habe zwei Söhne. Wer Kinder hat, weiß, was Liebe bedeutet. Du kannst dann auf die Bühne gehen, die Hüften kreisen lassen, den Arm bedeutsam in die Luft strecken und mit großer Geste zur Hallendecke zeigen. Aber weißt Du: das hat alles nichts mit Liebe zu tun. Um die aber geht es im Leben.

Aber die Idee von Rock beruht doch auf der Vorstellung, der Sänger sei eine Art Alphatier. Die Silhouette von Machismo.
    Nun, die Verpackung zeigt nicht immer den Inhalt an. Ich bin anders. Aber natürlich ist klar, woher Missverständnisse dieser Art kommen: Rock bedeutet Energie. Das ganze Prinzip Rockmusik basiert auf der Vorstellung, dass der Sänger auf der Bühne voller Energie steckt. Leute, die nicht so viel Energie haben, verwechseln Energie oft mit Aggressivität. So entstehen Mythen. Aus Missverständnissen. Und in meinem Falle hat mir dieser Schutzpanzer des Missverständnisses sicher in der Vergangenheit sehr geholfen.

Wieso, wo brauchtest Du den Panzer denn?
    Das begann schon in der Kindheit. Ich bin in einer rauhen Gegend von Liverpool aufgewachsen. Ein sensibles Kind zu sein, anders als die anderen zu sein bedeutete dort: Opfer sein. Ich bin Jahre lang getreten und geschlagen worden von anderen Kindern, von Älteren, von Halbstarken. Es wollte einfach nicht aufhören. Nur weil ich Bücher gelesen habe. Ich öffnete mich in dieser Situation der Vorstellung, dass es doch möglich sein müsste, sich zu verwandeln. Nicht unbedingt in einen Käfer, aber immerhin in eine Art Phantasiefigur, so, wie es David Bowie vorgemacht hat. Das Spiel mit den Identitäten ist eine Erfindung der Briten. Es erlaubt Männern Make-Up zu tragen und eine Drogensucht mit Sensibilität zu rechtfertigen.

Du sprichst aus eigener Erfahrung.
    Ich habe viel getrunken. Alkohol gibt einem Selbstbewusstsein. Vermutlich ist Alkohol deshalb so beliebt. Ich habe mit dem Trinken aufgehört, ich trinke nur noch, wenn der Mond richtig steht.

STREAM: The Cult – Born Into This

 

The Cult

Ian Astbury: »Nico Päffgen. Die schönste Frau der Welt. Sie verkörperte für mich das Yin und das Yan. Sie hatte etwas Androgynes. Die Stärke eines Mannes, die Weiblichkeit einer Frau. Wie ein weiblicher David Bowie, der ebenfalls eine weibliche Seite hat.«
(Foto: © Roadrunner Records / Promo)

 

Du gehörtest zu den wildesten Performern.
    Es ging immer nur darum, wie es aussah. Wieviel Energie wir übertragen haben. Eine bombastische Inszenierung. Jahre später fiel mir auf: Ich sang immer in der dritten Person – »Er hat dies gemacht …«; »Sie hat jenen geliebt …« Das kam doch alles daher, weil ich meinen Vorbildern entsprechen wollte. Den Sex Pistols, David Bowie, Velvet Underground, Jim Morrison. Nico! Ich wollte so sein wie sie und hatte doch nur Energie zu bieten. Ich hatte so viel überschüssige Energie. Ich hatte Tatendrang, Bewegungsdrang. Vielleicht, wäre ich etwas ruhiger gewesen, hätte ich vielleicht andere Songs geschrieben. So ging die ganze Energie in die Konzerte. Dabei hätte ich nur auf Jim Morrison hören müssen. Seine Musik schien mir mit jeder Note zu sagen: halte inne! Refokussiere!

Dabei war Morrison gar kein Buddhist.
    Neulich hatte ich ein Erlebnis: Ich ging die Oxford Street hinunter, ich blickte nach oben, ich bemerkte, dass es in der Oxford Street Bäume gab. Ich bin in den Himalaya gereist, ich habe Ashrams besucht, um im Zentrum von London zu bemerken, dass sie dort Bäume gepflanzt haben. Heute ist der Dalai Lama mein Held.

Vor ein paar Jahren war es noch Nico.
    Ich habe Nico geliebt. Wie ich überhaupt die ganze Warhol-Clique gemocht habe. Einen meiner Songs habe ich seinerzeit Edie Sedgewick gewidmet, er hieß »Edie (Ciao Baby)«. Auf dem letzten The Cult-Album schrieb ich eine Ballade für Nico. Die schönste Frau der Welt. Sie verkörperte für mich das Yin und das Yan. Sie hatte etwas Androgynes. Die Stärke eines Mannes, die Weiblichkeit einer Frau. Wie ein weiblicher David Bowie, der ebenfalls eine weibliche Seite hat. Leider starb sie 1988. Ich denke manchmal, sie müsste eigentlich wiedergeboren werden. Wir Menschen werden wiedergeboren. Für mich war Nico ein größeres Vorbild als es jemals ein Mann gewesen ist. Wo sind die Männer?

Gibt es keine Männer mehr?
    Jean-Michel Basquiat ist ein weiterer Held von mir. Aber kann man ernsthaft sagen, er sei ein Rollenmodell angesichts seiner Heroinsucht, die ihn schlussendlich umbrachte? Was ist eine Rolle anderes als eine Marke? Ich habe in der Vergangenheit viel Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen, ob ich oder meine Band The Cult dazu taugen, anderen gute Ratschläge zu geben. Ich kam zu dem Schluss: Der französische Philosoph Jean Baudrillard taugt als Rollenmodell viel mehr. Ich stieß auf ihn über ein Interview mit ihm, das ich in  der New York Times gelesen habe.

Hast Du dich mit seiner Philosophie beschäftigt?
    Baudrillard sagt, es sei unmöglich Medien kritisch zu verwenden. Ihre statische Struktur als Sender ohne Möglichkeit für den Empfänger zu kommunizieren mache sie zu Instrumenten der Macht. Baudrillard prägte den Begriff der »Rede ohne Antwort«, durch welche die Konsumenten zu Statisten degradiert werden. Ich fühlte mich schlecht: Ich dachte immer, ich würde über meine Alben mit meinen Fans kommunizieren. Laut Baudrillard tue ich das Gegenteil. In der New York Times sagte er sinngemäß: Die junge Generation hat nichts mehr zu sagen, weil sie zum Konsumieren verdammt ist.

Verarbeitest Du solche Erkenntnisse in Deiner Musik?
    Mit Sicherheit findet man auf meinem neuen Album »Born Into This« Spurenelemente einer Kritik an der Passivität. Mich kotzt es an, dass die Schnelligkeit unserer Gesellschaft den Ideen der Menschen keine Zeit mehr zum Entfalten gibt. Wie sollen unter einem solchen Zeitdruck noch gute Ideen entstehen, frage ich Dich?

STREAM: The Cult – Born Into This

 

The Cult
The Cult: 21 Mitglieder verschleißte Astbury im Laufe von 27 Jahren. Heute spielen bei The Cult neben dem langjährigen Mitglied Billy Duffy noch John Tempesta, Chris Wyse und Mike Dimkitch
(Foto: © Roadrunner Records / Promo)

Vielleicht sind wir ja Zeugen einer Evolution, vielleicht verändert sich der Mensch in Echtzeit, indem er auf die neue Situation reagiert?
    Ich kann nur von mir sprechen. Mein Gegengift lautet Reisen. Ich reise so viel und so weit ich kann. Es ist eine Lüge, dass man auf Reisen nicht zu sich käme. Das Gegenteil ist der Fall. Je länger und einsamer die Reise, desto klarer der Kopf. Vor allem, wenn man ohne Blackberry reist. Reisen bedeutet, man sucht sich die Menschen aus, mit denen man zu tun haben möchte. Und natürlich spreche ich nicht von Konzertreisen mit The Cult. Auf diesen Reisen finde ich nie zur Ruhe. Der Song »Holy Mountain« ist eine solche Aufzeichnung von einer Reise – zum Mount Everest. Ich war auf Psychopharmaka, genauer gesagt, auf Antidepressiva und dachte nach der letzten Tournee mit den Riders On The Storm ganz romantisch-kontemplativ an Selbstmord.

Warum? Weil Du nicht Jim Morrison warst?
    Das hat mich nie tangiert. Ich wusste ja, dass ich nicht Jim Morrison bin. Ich wusste auch, dass mich meine Rolle als Sänger der Nachfolgeband von The Doors als Zielscheibe für Spott und Gelächter definierte. Andererseits: Ich wurde nicht von irgendwem gefragt, sondern von Robby Krieger und Ray Manzarek, den ehemaligen Mitmusikern von Jim Morrison. Ich stellte mich also wissentlich auf die Bühne. Die Häme habe ich ertragen.

Wie erträgt man Häme?
    Mit Ernsthaftigkeit. Ich habe mich geradezu verbissen in meine Rolle als Sänger der Riders On The Storm. Ich wusste, ich war gut. Jede Nacht. Dann perlt Häme ab. Baudrillard lesen hilft auch, denn er erinnert einen mit seinen Theorien daran, dass man bereits eine Menge erreicht hat, wenn man begreift, dass man als Individuum stets am Ende einer einseitigen Kommunikation steht … Man ist gewissermaßen nicht alleine.

Trotzdem wurden Sie depressiv.
    Meine Beziehung ging in die Brüche. Meine beiden Söhne lebten bei ihrer Mutter, ich sah sie nicht oft. Ich hatte gewissermaßen die Person verloren, an die ich mich gerichtet hatte, wenn ich in der Vergangenheit Songs schrieb. Ich war die ganze Zeit unterwegs, hatte kein Zuhause. Den Applaus wiederum, den ich auf den Doors-Konzerten bekam, konnte ich nirgends aufbewahren. Nicht umsonst heißt es: Verwechsele Anerkennung nicht mit Liebe. Schließlich fehlte mir vielleicht meine eigene Stimme, die ich bei The Cult erheben konnte, aber nicht bei den Riders On The Storm. Depressionen lassen sich am besten mit dem Wort »Grau« umschreiben. Sie sind etwas Furchtbares. Aber ich hatte Glück. Ich verliebte mich in die Frau meines Lebens und reiste mit ihr nach Indien – wo sie lebt. Früher hätte ich über ein solches Erlebnis keinen Song geschrieben.

Warum?
    Weil ich solche existentiellen Dinge nicht erlebt habe. Heute tue ich es, aber das tatsächliche Erlebnis ist nur der Ausgangspunkt. Der Rest ist Cut-Up im Geiste von William S. Burroughs. Ich frage mich schon seit Ewigkeiten: Warum muss man Geschichten linear erzählen? Muss man ja gar nicht.

Was tut man in Indien, wenn man dort lebt?
    Meine Freundin wandert umher. Sie studiert Yoga und schärft ihren spirituellen Verstand. Sie lebt bescheiden in Indien. Also flogen wir nach Nepal und schauten uns den Sonnenaufgang auf dem Mount Everest an. Alles war voller Müll. Ich las einen Quarter Dollar vom Boden auf und stolperte über eine Plastikflasche Coca-Cola. Ich war also auf dem Mount Everest, und er glich einer Müllhalde. Ich packte meine Sachen, trommelte die Band zusammen und nahm mit meinen Mitstreitern unser neues Album auf. Der Titel »Holy Mountain« bezieht sich übrigens auf den gleichnamigen Berg in dem Film »El Topo« von Alejandro Jodorowski.

STREAM: The Cult – Born Into This

Das neue The Cult-Album »Born Into This« (Roadrunner Records / Warner Music) ist bereits erschienen, am heutigen Donnerstag spielt die Band ihr einziges Deutschland-Konzert in der Kölner Live Music Hall.

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